Und plötzlich sind sie nicht mehr da – wenn ein Traum zerplatzt

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Mittlerweile hat das zweite Paar das ich begleite ein Kind bekommen. Aber auch das Baby verbessert die Aussichten hier zu bleiben nicht

Vor etwa einem Jahr besuche ich ein junges Flüchtlingspaar aus dem Kosovo zum ersten Mal. Unser Helferkreis war damals auf der Suche nach jemandem, der gemeinsam mit den beiden ihre Lebensläufe erstellt und ich war gerne bereit. Eine freundliche, sehr zurückhaltende junge Frau öffnet die Tür. Die beiden wohnen in meiner unmittelbaren Nachbarschaft und teilen sich zwei Zimmer, Küche, Bad mit einem anderen Paar, das ebenfalls aus dem Kosovo stammt.

Sehr schnell wird klar, dass die Verständigung nicht einfach werden wird; Kimete (27) spricht weder Englisch noch Deutsch, Sejdo (23) ein bisschen Englisch. Wir kommen schnell an unsere sprachlichen Grenzen und schalten Sejdos Schwester ein, die seit 15 Jahren in Bad Krozingen lebt und arbeitet und unser Gespräch per Handy übersetzt. Einmal mehr ist die Digitalisierung in der Flüchtingsarbeit ein nützlicher Helfer.
Sie sind nach Deutschland gekommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben; der Kosovo gehört zu den ärmsten Ländern auf dem Balkan. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen ist das niedrigste in Europa und lag 2007 bei 1.200 Euro. Die Arbeitslosenquote liegt bei 50 Prozent, 30 Prozent der Kosovaren leben unterhalb der Armutsgrenze.

Sejdo war bis zur 9. Klasse in der Schule und hat seinen Lebensunterhalt danach mit Arbeiten auf dem Bau oder der Landwirtschaft verdient. Kimete ist nie zur Schule gegangen und hat ausschließlich ihre Mutter im Haushalt unterstützt. Mit diesem überschaubaren Bildungsweg wird das für die beiden hier – neben der Tatsache, dass sie aus einem sicheren Herkunftsstaat stammen – ganz, ganz schwer.

Wir treffen uns nun regelmäßig. Sie leben mit einer Aufenthaltsgestattung für 12 Monate hier und Deutschkenntnisse und Job sind das wichtigste. Nach wenigen Wochen gibt es einen Lichtblick; Sejdo hat einen Job in einer Gärtnerei in der Nachbarschaft. Kimete tut sich sehr schwer in den Deutschkurs des Helferkreises zu gehen. Ihr Selbstbewusstsein leidet unter der Tatsache, dass sie Analphabetin ist; im Kurs selbst spricht darüber hinaus niemand ihre Sprache.

Einige Zeit später lade die beiden zum Herbstfest des Helferkreises ein; ein gemeinsamer Nachmittag mit Flüchtlingen und Helfern im Kindergarten. Sejdo spricht mittlerweile etwas besser Deutsch, Kimete ist immer noch sehr schüchtern; in den Deutschkurs geht sie nach wie vor nicht. Ihr einziger sozialer Kontakt ist die Familie in Bad Krozingen.
Die Kontakte werden weniger, mehr Unterstützung benötigen sie nach eigenem Bekunden nicht, die Familie in Bad Krozingen sorgt für sie. Dann plötzlich verliert Sejdo seinen Job; warum kann er mir nicht sagen. Kimete scheint mehr und mehr unglücklich zu sein. Sie möchte unbedingt schwanger werden, aber es klappt einfach nicht und erschwert ihr das Leben zunehmend. Die soziale Isolation tut ihr Übriges.

Und plötzlich sind sie nicht mehr da.
Vor wenigen Wochen stand die Polizei unvermittelt mitten in der Nacht vor der Tür und hat sie mitgenommen – Abschiebung. Die Mitbewohner erzählen, dass Kimete erleichtert gelächelt hat und das kann ich irgendwie nachvollziehen. Vielleicht geht es den beiden – trotz allem – in ihrem eigenen Land am Ende doch besser als hier.

Ich bleibe im Kontakt mit dem zweiten Paar. Sie haben in den vergangenen Monaten durch Arbeit und Sprachkurs sehr gut Deutsch gelernt. Egal wann und wo ich sie sehe, tragen sie ein Strahlen in ihrem Gesicht. Sie sind sehr froh hier zu sein und eine Bereicherung für jeden der ihnen begegnet. Sie tun alles dafür, um zu bleiben; beide haben lange in der Gastronomie hier im Ort gearbeitet. Jetzt möchte Ermal eine Ausbildung zum Altenpfleger machen und besucht einen dreimonatigen Vorbereitungskurs mit der Aussicht auf einen Ausbildungsplatz danach. Eigentlich doch ein Segen für ein Land, dem der Pflegenotstand droht und in dem der Pflegeberuf für junge Menschen wenig Attraktivität mit sich bringt.
Aber die Aussichten zu bleiben sind nicht gut, das sagt auch ihr Anwalt. Auch das Baby, das vor wenigen Wochen auf die Welt gekommen ist, ändert nichts daran, obwohl Xheneta in spätestens sechs Monaten unbedingt wieder arbeiten möchte. Und das bedeutet zurück in ein ungewisses Leben ohne Perspektiven für sich und vor allem für ihr neugeborenes Kind.

Vielleicht steht sehr bald ein erneuter und noch sehr viel bitterer Abschied bevor und wir können, so wie es aussieht, wohl nichts dagegen tun.

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