The Mountainman – Grenzerfahrung in Melchsee-Frutt

Das Wetter wurde bei diesem Lauf für mich zur echten Herausforderung

Nach meinem erfolgreichen Finish im Juli beim „Eiger Ultra Trail“ in Grindelwald überkam mich spontan der Gedanke noch einen weiteren Lauf in Angriff zu nehmen. Über das Internet wurde ich schnell fündig. Kurzerhand meldete ich mich zum „The Mountainman“ an.

Zum Begriff „Mountainman“ findet man im Internet diverse Einträge. Mit einfachen Worten ausgedrückt ist hier die Rede von einem Menschen, der in der freien Wildnis lebt, auf sich alleine gestellt ist und zurechtkommen muss. Bei dem hier erwähnten „The Mountainman“ geht es nicht nur um einen Mann, eine Frau in der Wildnis, sondern um eine ganze Reihe von begeisterten Menschen, die den Kampf untereinander, mit sich selbst und mit der Wildnis der Schweizer Berge auf sich nehmen.

Mitte August, einen Tag vor dem Lauf, machte ich mich auf ins kleine Dörfchen Ewil am Sarner See, an dem ich einen kleinen und feinen Campingplatz gefunden hatte. Das Wetter war super, strahlender Sonnenschein, angenehme Temperaturen und ein See, der zum Baden einlud.

Der Sarner See: Am Tag meiner Ankunft schien noch die Sonne …

Die Wettervorhersagen für den Lauftag sagten allerdings nichts Gutes voraus. Ein Tiefdruckgebiet sollte Regen und deutlich kältere Temperaturen mit sich bringen. Noch am Freitagabend bekam ich das dann auch zu spüren. Es zog ein kräftiges Gewitter auf und es regnete – nicht nur ein wenig, sondern jede Menge Wasser kam vom Himmel herunter, und das die ganze Nacht durch.

Punkt 6 Uhr hieß es am nächsten Morgen aufstehen. Den Laufrucksack mit der Pflichtausrüstung hatte ich bereits gerichtet. Ein kleines Frühstück sollte reichen. Mit dem Auto fuhr ich über Kerns zur Stöckalp. Von dort führte mich dann die Seilbahn auf rund 1.960 Meter Meereshöhe nach Melchsee-Frutt. Kurz nach 8 Uhr war ich am Ort des Geschehens. Inzwischen hatte der Regen aufgehört, aber es war kalt, wolkenverhangen und leicht windig. Also hieß es heute lange Hose, Mütze und Laufjacke anziehen. Mitten im Sommer war dieses Outfit natürlich total ungewohnt, aber bei gerade einmal sechs bis sieben Grad notwendig.

An der alten Bergstation bekam ich meine Startnummer. Laut Starterliste waren für den Marathon 45 Personen gemeldet. So einen überschaubaren Teilnehmerkreis hatte ich schon lange nicht mehr erlebt und das fühlte sich seltsam an. Sonst drängelt sich alles am Startbereich, aber hier hielten sich alle zurück. Keiner traute sich, sich in die vorderste Reihe der Startlinie zu stellen. Erst mit der Aufforderung des Organisators wagten wir uns zögerlich nach vorne. Da stand ich nun mit den 44 anderen Verrückten und wartete auf die Startfreigabe.

Nur 45 Läufer versammelten sich am Start – so einen kleinen Lauf hatte ich schon lange nicht mehr erlebt

Der Countdown wurde heruntergezählt, das Absperrband angehoben und zwei Menschen mit großen Kuhglocken schickten uns in die Wildnis der Schweizer Berge. Vorbei am Berghotel am Melchsee führte uns die Strecke auf den ersten drei Kilometern in sanft welligem Gelände Richtung Tannensee. Das war ein recht entspanntes Einlaufen, glich aber auch gleich zu Beginn einem Hindernislauf. Zermatschte Frösche sowie unzähligen Hinterlassenschaften von Kühen säumten diesen Abschnitt der Strecke. Auch der nächtliche Regen zeigte uns Läufern, was uns heute erwarten sollte. Rinnsale und kleine Bäche mitten auf der Laufstrecke führten dazu, dass ich bereits nach einem Kilometer das erste Wasser in meinen Schuhen hatte. Aber was macht das schon aus. Wenn man einmal nasse Füße hat, kann es auch Spaß machen, ohne weitere Rücksicht durch jede kommende Wasserlache zu laufen.

Am Ende des Tannensees, auf dem am frühen Morgen schon vereinzelt Angler in ihren Booten verweilten, erwartete mich die erste leichte Steigung. Gegenwind zeigte mir, dass ich heute das richtige Outfit gewählt hatte. Recht kalte Luft blies mir in den Kragen der Laufjacke. Mich fröstelte es leicht, was aber schnell vorbeiging, denn die Steigung wurde Meter um Meter steiler.

Kurz nach dem Start ist die Läufergruppenoch eng beisammen

Das Läuferfeld war bis auf ein paar wenige schnellere Mitstreiter noch eng beisammen. Hintereinander her liefen bzw. gingen wir die Anhebung weiter nach oben. Vorbei am ersten Gipfelkreuz machten wir uns auf einem schönen Höhenweg auf in Richtung Planplatten. Die Strecke hatte alles zu bieten: Von breiten Fahrstraßen, schmalen Bergpfaden bis hin zu unwegsamen, ausgetretenen Kuhrennstrecken, bei denen man nicht recht wusste, wie und wo man laufen sollte.

Nebel war am frühen Morgen unser ständiger Begleiter. Die Sicht war teilweise auf 50 Meter begrenzt, sodass ich nicht einmal den Läufer vor mir ausmachen konnte. Was mir aber nicht verborgen blieb, war die extremen Abgründe, die sich entlang des Gratweges, auf dem ich mich hier oben befand, zeigten. Linke Hand vor mir fiel der Hang steil bergab – mir wurde ein wenig unwohl in der Haut, obwohl der Weg ja eigentlich noch recht gut zu laufen war.

Zwischendurch wurde es dann kurzfristig steiler und der Aufstieg schwieriger, denn der Regen hatte die Strecke extrem aufgeweicht. So war es deutlich mühsamer, einen festen Tritt zu finden. Der darauf folgende Abschnitt nach dem Balmereggerhorn forderte dann meine volle Konzentration. Ausgewaschene schmale Rinnsale, gespickt mit unzähligen Steinstufen galt es nun bergab zu bewältigen. Ich tat mich recht schwer. Fast stolpernd versuchte ich im ZickZack-Kurs den Abhang zu meistern. Plötzlich merkte ich in einer Linkskurve, wie ich ein leichtes Übergewicht bekam und dies nur schwer ausgleichen konnte. Mein Körper reagierte nicht auf das Gegensteuern. Gerade so schaffte ich es noch das Lauftempo zu reduzieren und mich zum Stehen zu bringen. Um ein Haar hätte ich hier den Abflug gemacht. Ein Schrecken schoss mir durch die Glieder. Wie das wohl hätte Enden können!?

Die Bergabstrecken waren durch den nassen und schlüpfrigen Boden extrem schwierig zu laufen

Die nächsten Meter ging ich dann den Hang hinunter, bis ich den Schrecken verdaut hatte. Im Auf und Ab folgte ich dem weiteren Verlauf der Laufstrecke bis nach Planplatten.
Das Wetter zeigte sich unverändert. Es war zwar trocken, aber die dichte Wolkendecke verhüllte die faszinierende Berglandschaft unter einem Schleier und versperrte uns die  schönen Ausblicke. Inzwischen war ich bereits über einer Stunde unterwegs und auf 2.200 Meter Meereshöhe angelangt. Die kalte und feuchte Luft war ich nicht gewohnt. Normalerweise laufe ich in dieser Jahreszeit in kurzen Hosen und T-Shirts umher, aber daran war heute nicht zu denken. Es war einfach nur frisch und mein Körper hatte alle Mühe sich darauf einzustellen.

Kurz vor Planplatten bei Kilometer 9 lag vor mir auf dem Boden eine Herde von Kühen, die unbeeindruckt von uns Läufern vor sich hin dösten. Sie waren wohl eben erst munter und zeigten keine Regung. Im Slalom rannte ich um die trägen Kühe.
Auf einmal war der Weg vor mir zu Ende. Ich stand vor der Gipfelstation eines Skiliftes und versuchte mich zu orientieren. An einem Stahlpfeiler konnte ich dann die kleinen Wegweiser erkennen. Einer davon zeigte nach rechts – er trug die Aufschrift „Mountainman“. Ein schmaler und ein breiter Weg standen zur Auswahl. Am Fels vor mir war in gelber Signalfarbe ein Pfeil aufgemalt. Das war mein Weg! Laut Plan des Veranstalters war die erste Hälfte meines Marathons in dieser Farbe markiert.

Dichter Nebel begleitete uns einen Großteil der Strecke

Bei Kilometer 11 erreichte ich dann den ersten Verpflegungsposten. Zwei junge Mädels standen hier in einem provisorischen Unterstand, in den frontal der Wind hinein blies. Dick eingemummelt standen die beiden da und versuchten sich warm zu halten. Es gab warme bzw. kalte Bouillon zu trinken. Ich entschied mich für die warme Variante, die ausgesprochen gut schmeckte.

Ein weiterer Läufer gesellte sich zu uns. Nach einem kurzen Plausch machten wir uns beide dann wieder auf den Weg. Die nächsten zwei Kilometer ging es nur bergab. Auf breiten Wegen war es zwischendurch mal etwas entspannter zu laufen. Zahlreiche Durchgangssperren für die Kühe zwangen uns immer wieder das Lauftempo zu stoppen, durch die Absperrung zu gehen und erneut Tempo aufzunehmen. Ein gleichmäßiges, rhythmisches Laufen war mir heute wohl nicht vergönnt.

Nach zwei Kilometern hatte ich dann den Abhang hinter mir. Die nächste große Herausforderung lag vor mir: Der Aufstieg zum Hochstollen auf 2.480 Meter Höhe. Das waren rund vier Kilometer mit ca. 500 Höhenmeter. Aber zuerst hieß es über eine große Wiesenfläche zu laufen. Hört sich einfach an, aber wenn diese durch und durch voll mit Wasser ist, gleicht das einer schwimmenden Wiese in einem See. Springend versuchte ich mit einigermaßen trocken Füßen durchzukommen. Ich kann es verraten, es klappte nicht. Mehrfach verschwanden meine Füße im Schlamm, teilweise blieb ich bis über die Knöchel stecken. Zweimal hatte es mir fast meine Schuhe ausgezogen. Es war einfach nur verrückt. Die Wiese nahm gefühlt kein Ende. Zur Abwechslung gab es zwischendurch immer wieder ein Bachlauf. Egal, einfach durch, die Füße waren eh schon nass.

Unter dieser Pfütze verbirgt sich der Weg …

Nachdem ich dies hinter mir hatte, wurde es noch besser: Es kam die Steigung zum Hochstollen. Der Nebel hatte sich inzwischen ein wenig gelichtet und so konnte ich die Laufstrecke vor mir gut ausmachen. In steilem Geläuf sah ich vereinzelte Läufer sich nach oben quälen und mir sollte es nicht anders ergehen.
Ich weiß nicht wie viele Füße vor mir schon diesen Abschnitt betreten hatten, denn ein Halt auf dem schlammig, schmierigen Untergrund war nicht mehr zu finden. Zum Glück hatte ich meine Trailrunningstöcke dabei, sonst wäre ich wohl auf allen Vieren den Berg nach oben gekraxelt.

Ich befand mich auf einem ausgetretenen Wanderpfad, auf dem mir das Regenwasser wie in einem kleinen Bach entgegenlief. Schlammrinnsale und schmierige Steine machten dies zur echten Herausforderung und enormen Anstrengung. Das Gehen glich einem Schlittschuhlauf. Immer wieder rutschte ich weg und machte einen kleinen ungewollten Ausfallschritt nach hinten. Das kostete enorm viel Kraft.
Meter um Meter ging es weiter nach oben und je weiter hoch ich kam, desto weniger wurde der Schlamm. Stattdessen wurde es steiniger. In Serpentinen führte mich der Weg bis kurz vor den Gipfel. Was mich dort erwartete, war die Krönung des Tages.
Es wurde immer steiler, die Wege schmaler und felsiger. Hinter jeder kleineren Biegung, die mich um den Gipfel führte, wurde es heftiger. Leichte Schwindelgefühle und kraftlose Beine zwangen mich zu kleineren Pausen.

Die Läufer des Halbmarathons, von denen mich viele später überholten

Inzwischen hatte mich die Spitze der Halbmarathonläufer erreicht und überholt, die sage und schreibe eine Stunde nach mir losgelaufen waren. Wie geübte Gämsen rannten sie das unwegsame Gelände hinauf. Mir war es ein Rätsel, wie das funktionierte. Brav machte ich einem nach dem anderen Platz, in dem ich mich an den Berghang drückte, denn der Platz war mehr als begrenzt. Gerade so kamen wir aneinander vorbei. Ehrlich gesagt, die kleinen Pausen waren für mich willkommene Entspannungsphasen, denn dieser Abschnitt setzte mir enorm zu. Ich merkte, wie ich zwar hier am Rennen dabei war, aber irgendwie dann doch das Ganze nicht so wirklich realisieren konnte. Ich war am Kämpfen – mit mir und der Strecke. Mit Hochspannung und innerer Unruhe versuchte ich den Weg bis zum Gipfel zu bewältigen. Heute war nicht mein Tag, zumindest nicht bei diesem Wetter und dieser Streckenbeschaffenheit.

Fast geschafft – kurz vor dem Ziel

Bei Kilometer 17 war ich dann endlich oben. Geschafft! Der Aufstieg hatte mich sehr viel Zeit gekostet. Ich freute mich nun auf den Abstieg, der vor mir lag und mich wieder zurück nach Melchsee-Frutt führen sollte. Voller Elan machte ich mich auf nach unten – fünf Kilometer mit rund 600 Höhenmeter.

Mein Elan wurde schnell gebremst, denn die Strecke wurde nicht besser. Es gab zwar ein paar wenige Meter, auf denen man gut laufen konnte, aber sonst war der Abstieg nicht weniger schwierig als der Aufstieg. Die zahlreichen Steinstufen, der schmierige Untergrund und unwegsame Serpentinen machten mir das Leben schwer. Erschwerend kam hinzu, dass sich meine leichten Schwindelgefühle nicht besserten und ich merkte, dass ich mich nur sehr schwer auf die Strecke konzentrieren konnte.

Meine Schuhe nach dem Lauf …

Meine Gedanken drehten sich mit jedem Laufmeter mehr und mehr um den weiteren Rennverlauf – weitermachen oder nicht? Wie ist wohl die Strecke auf der zweiten Hälfte? Werden sich meine Schwindelgefühle noch legen?
Fragen über Fragen begleiteten mich auf der Strecke Richtung Melchsee und nur ich selbst konnte sie mir beantworten. Schlussendlich entschied ich mich, das Rennen nach der ersten Teilstrecke zu beenden, um weiteren Gefahren und möglichen Verletzungen aus dem Weg zu gehen. Die Gesundheit hatte für mich absoluten Vorrang.
Nach 22,6 Kilometern und 1.220 Steigungsmetern überquerte ich nach 3 Stunden und 31 Minuten die Ziellinie. Es war ein harter Kampf in der Wildnis der Schweizer Berge.

Auch mit ein paar Tagen Abstand kann ich sagen, es war die richtige Entscheidung, den Lauf vorzeitig zu beenden. Aber ich werde wiederkommen – dann wenn das Wetter mitspielt und die Sonne lacht.

Autor: Ulf Schmidt

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