Suchterkrankungen im Arbeitsleben

Suchterkrankungen sind auch am Arbeitsplatz ein Thema

Zu Beginn meiner Amtszeit als Betriebsrat vor 14 Jahren habe ich mir keine Vorstellung davon gemacht, was für Themen mit dieser, immerhin ehrenamtlichen, Tätigkeit verbunden sind. Klar, erst einmal dreht sich alles um die Rechte der Arbeitnehmer, die Pflichten die mit dem Arbeitsvertag verbunden sind und natürlich die Recht und Pflichten der Arbeitgeber. Es begegnen einem aber auch völlig andere Bereiche, wie beispielsweise das Thema Sucht.

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass die Themen, mit denen man als Betriebsrat zu tun hat, doch wesentlich umfangreich sind, als ich mir das zu Beginn meiner Tätigkeit vorgestellt habe. Der Betriebsrat ist nicht nur mit Fragen rund um Einstellungen, Versetzungen und Entlassungen befasst, er beschäftigt sich nicht nur mit der Frage der richtigen Gehaltsgruppe oder der transparenten Verteilung von Arbeitszeit. Er wird auch mit vielen Fragen rund um das Thema Gesundheit und Krankheit konfrontiert. Und ein Teil davon sind auch Fälle von Erkrankungen auf Grund von Suchtmitteln.

Sucht – was ist das eigentlich?
Sucht ist eine krankhafte, zwangshafte Abhängigkeit von Stoffen wie zum Beispiel Alkohol, Tabak oder Medikamente, aber auch von speziellen Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Mager- oder Spielsucht.  Suchtmittel aktivieren Botenstoffe,  die Wohlbefinden oder Euphorie auslösen können. Das Gehirn lernt schnell, damit einen positiven Reiz zu verbinden, es als Belohnung wahrzunehmen. Fehlt dieser Reiz, entsteht ein Belohnungsdefizit, der Wunsch danach wird zunehmen, die Grundlage für ein Abhängigkeitsverhalten ist gelegt.

Die unterwünschten Folgen des Konsums von Schlafmohn oder vergorenem Gerstensaft wurden bereits in der Antike beschrieben. Suot oder Suht, von dem sich der Begriff Sucht ableitet,  hatte in germanischen Dialekten die Bedeutung von Krankheit. Ab dem 16. Jahrhundert änderte sich die Einstellung dazu. Aus der Krankheit wurde ein Laster oder eine unerwünschte Charaktereigenschaft.

Für Betroffene ist es oft kein leichter Schritt, sich Hilfe zu suchen

Erst 1968 wurde Sucht in der Bundesrepublik als Krankheitsbild anerkannt. An der verbreiteten gesellschaftlichen Einschätzung, Betroffene seien selbst schuld an der Erkrankung, hat sich dadurch leider nicht sehr viel geändert. Mit diesem Vorwurf belastet um Hilfe zu bitten ist nicht leicht und erschwert den Schritt in Richtung Beratung und Therapie.

Die vielen Bausteine für Hilfe und Unterstützung
In der Zwischenzeit gibt es eine ganze Menge an Hilfeleistungen. Über Ärzte, Kranken-kassen, Vereine, Organisationen wie Diakonie und Caritas und die Fachstellen Sucht, können  sich Betroffene und Angehörige über Hilfsangebote informieren. Viele Unternehmen haben sich die Gesundheitsfürsorge für ihre Mitarbeiter auf die Fahnen geschrieben und bieten unter anderem mit Betriebsärzten, SoziaIarbeitern und Fachkräften für betriebliche Suchtprävention ein breites Spektrum der Unterstützung für Arbeitnehmer an. Auch wurden in vielen Betrieben Richtlinie zum Umgang mit Tabak und Alkohol am Arbeitsplatz festgeschrieben und mit den jeweiligen Betriebsräten  Betriebsvereinbarungen zum Umgang mit Sucht am Arbeitsplatz geschlossen.

Der Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol lag 2014 in Deutschland bei 9,6 Liter

Zahlen, Daten, Fakten
Und das ist auch wichtig, wenn man sich die aktuellen Zahlen im Jahrbuch Sucht 2016 ansieht: Im Jahr 2014 wurden in Deutschland pro Kopf 9,6 Liter reiner Alkohol getrunken, der Tabakkonsum lag pro Einwohner bei 982 Zigaretten, Tendenz steigend.  Bei E-Zigaretten und Shishas wird gerade bei jüngeren Menschen ein steigender Gebrauch verzeichnet. Allein zwischen 2012 und 2014 lag der Anstieg bei dreizehn Prozent.

2014 wurden 1.032 Rauschgifttote registriert, leider steigen auch hier die Zahlen an. 1,51 Milliarden Arzneimittelpackungen wurden 2014 in den öffentlichen Apotheken in Deutschland verkauft. 46 Prozent waren nicht rezeptpflichtig und nur 9,1 Prozent davon waren verordnet. Von den knapp 750 Millionen Arzneipackungen, die von Ärzten verschrieben wurden, besitzen vier bis fünf Prozent ein Missbrauch- und Abhängigkeitspotenzial. Viele davon fallen in den Bereich der Schlaf- und Beruhigungsmittel. Laut Jahrbuch Sucht 2016 gibt es etwa 1,9 Millionen arzneimittelabhängige Menschen in Deutschland.

Suchterkrankung und Arbeitsleben
Viele Betriebe und Unternehmen haben erkannt, dass Suchterkrankungen  nicht nur zu Problemen im Privatleben der Betroffenen führen, sondern auch auf die Situation am Arbeitsplatz einen unmittelbaren Einfluss haben. Produktivitätsverluste durch Fehlzeiten, Arbeitsunfälle  und Produktionsfehler wirken sich direkt wirtschaftlich aus. Viele Unternehmen reagieren mit Angeboten für betroffene Mitarbeiter nicht nur auf mögliche wirtschaftliche Folgen, sondern werden damit auch ihrer Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern gerecht.

Die Fachkraft für betriebliche Suchtprävention ist ein Baustein in diesem Angebot. Durch Betriebsratskollegen anderer Unternehmen bin ich auf diese Funktion aufmerksam gemacht worden und habe mich bei der Fachstelle Sucht in Freiburg über die Ausbildung informiert. Bei der Volksbank Freiburg habe ich mit dem Vorschlag, diese Qualifizierung zu erwerben, offene Türen eingerannt und  im Dezember 2015 mit der Ausbildung begonnen.

Mein Blick auf das Thema Sucht hat sich seither massiv verändert. Ein gutes Beispiel dafür ist der Umgang mit der sogenannten „legalen Drogen“ Alkohol – mit diesem Thema beschäftige ich mich in meinem nächsten Artikel zum Thema Suchterkrankungen.

Autor: Isabel Achilles

 

Teil 1: Suchterkrankungen im Arbeitsleben
Teil 2: Alkoholkonsum – zwischen Maß und Übermaß

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