Schottland 1996 versus 2016 – eine persönliche Bestandsaufnahme

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Urquart-Castle am Loch Ness in klassischem Schottlandwetter: Starkregen

Nein, das hier wird kein klassischer Reisebericht – ich vergleiche vielmehr ganz subjektiv meine Eindrücke von Schottland bei einem längeren Aufenthalt Mitte der 90er Jahre mit einem kurzen Rundtripp im vergangenen Jahr. Denn vor ungefähr 20 Jahren verbrachte ich im Rahmen eines Auslandsstudiums ein gutes Dreivierteljahr auf dem Universitätscampus in Stirling.

Damals kam gerade der Film „Braveheart“ von und mit Mel Gibson in die Kinos und ich wandelte dementsprechend auf höchst aktuell historischem Grund. Denn in Stirling wurde sowohl in der realen Geschichte als auch im Kinofilm eine Schlacht gegen die Engländer für die schottischen Clans siegreich geschlagen.

Viele Male bin ich über die Brücke gegangen, die ungefähr die Stelle kennzeichnet, wo das englisch-schottische Scharmützel durch eine List von William Wallace zugunsten der Schotten entschieden wurde. Sie war der kürzeste Weg vom Campus nach Stirling hinein, um sich beim dort ansässigen TESCO mit den notwendigsten Lebensmitteln zu versorgen.

Historische Gebäude und neue Bauwerke
Der Weg war – damals wie heute – zu Fuß ziemlich lang. Aber es sind mehr Häuschen und Gebäude dazugekommen. Auch in Schottland ist das Zuwachsen und Zusammen-wachsen von Dörfern und Städten enorm. Wo früher freies Feld war, erheben sich heute die Gebäude eines Colleges und die kleinen klassischen Häuschen im für die britischen Inseln typischen „semi-detached“ Stil, also Doppelhäuser mit Gärtchen vorne und hinten. Die Brücke ist immer noch die gleiche geblieben, der TESCO befindet sich immer noch am selben Ort, aber er ist mittlerweile zu einem viel größeren Einkaufszentrum mutiert.

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Das Wallace-Monument ist zu einem Touristen-Zentrum geworden
Auch das Wallace-Monument in der Nähe des Campus der University of Stirling ist unverändert. Hier ist das Schwert zu besichtigen, das William Wallace seinerzeit angeblich mit sich geführt haben soll. Damals war ich in dieser Gedenkstätte und habe Fotos vom Schwert gemacht.
Jetzt bin ich mit meiner Tochter dorthin gefahren und war erstaunt, zu was für einem touristischen Platz die Gegend ausgebaut worden ist. Parkplätze für Reisebusse, Informationscenter, Souvenirshop, sanitäre Anlagen und saftige Eintrittspreise. Wir sind nicht hineingegangen …
 Stattdessen haben wir einen Spaziergang auf dem Campusgelände der Universität gemacht.

Mein damaliger Wohnblock existiert leider nicht mehr, den hätte ich meiner Tochter gerne gezeigt. Aber sonst ist um den kleinen See mit der Brücke drüber, die die Wohnheime mit den eigentlichen Unigebäuden verbindet, beinahe die Zeit stehengeblieben. Ich fühlte mich wieder fast so wie damals. Meine Tochter merkte an, dass sie auch gerne einmal in Stirling studieren würde – es hat ihr dort also gut gefallen.

Im Großen und Ganzen war diese Reise wirklich so etwas wie das Eintauchen in die Zeit von vor zwanzig Jahren. Historische Stätten ändern sich nicht oder nur sehr langsam. Es ist immer noch die gleiche Aura vorhanden, die auf mich wirkt, sobald ich in Edinburgh die Royal Mile hinauflaufe. Sogar einzelne Läden sind noch da gewesen, an denen ich damals bereits vorbei geschlendert bin.

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Einer meiner persönlichsten Plätze in Edinburgh……
Ich fand sogar einen Innenhof  wieder, in dem ich damals mit meiner Mutter gestanden habe, als sie mich für ein paar Tage in Schottland besucht hatte. Diesmal stand ich nun mit meiner Tochter dort und konnte an den Blüten der Zierbäume  schnuppern.
Und das Zentralbahnhofgelände Waverley von Edinburgh ist jetzt keine Baustelle mehr. Damals wurde dort noch heftig umgebaut und erweitert; Verwaltungsgebäude waren in Provisorien untergebracht. Heute ist das alles verschwunden und der Bahnhof ist im vollem Einsatz.
Die Menschen haben sich kaum verändert …
Damals wie heute sind mir die Schotten gleich sympathisch. Ich liebe dieses Englisch mit dem schottischen Einschlag. Freundlich und hilfsbereit sind die meisten von ihnen und in der Regel recht unkompliziert. Wenn man im den Pubs mit Begeisterung das schottische nationalgericht „Haggis, Neeps and Tatties“ verspeist und das Ganze noch mit einem McEwan 95 Bier hinunterspült, kann man bei den Bedienungen nicht viel verkehrt machen. Das Gleiche gilt, wenn man sich – wie meine Tochter – begeistert über eine Tasse heiße Schokolade mit Marshmallows und Sahne äußert.
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… wie Weiblein
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Schottische Klassiker – Männlein …
… genausowenig wie der Verkehr
Das Reisen mit dem Auto rund um Schottland ist über die letzten zwei Jahrzehnte nahezu gleich geblieben. Sobald man sich wieder an die Rechtssteuerung und den Linksverkehr gewöhnt hat, ist das Fahren hier beinahe entspannend. Über Land, fern der Motorways, sind die Straßenverhältnisse so rumpelig, eng und malerisch wie eh und je.

Kennen Sie die „Single Way Tracks“, also einspurige Straßen mit  Ausweichbuchten abwechselnd mal rechts, mal links? Ich liebe sie.  In der Ortschaft Glencoe, die als Tor in die Highlands  gilt, kommt man, sobald man von der Hauptstraße abbiegt, auf einen solchen Track. Man gurkt bergauf, bergab zwischen Heidegrasbüschen und niedrigen Eichenbäumen, durch schlecht einsehbaren Kurven und Kuppen in die Highlands hinein.

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Voilà – die Highlands

Diese Szenerie ist übrigens im James Bond Film „Skyfall“ zu sehen, als 007 sein Heimathaus aufsucht und der Zuschauer in das öde Tal zwischen zwei sehr hohen kahlen Hügeln schaut.

Die Ausblicke sind fantastisch und damals wie heute scheinen mir diese Landschaften ebenso gut als Drehorte für die Filme „Herr der Ringe“ oder „der Hobbit“ herhalten zu können.

 Teurer ist es doch geworden
Andererseits sind so manche Dinge doch etwas anders geworden – nämlich teurer.
Zwar entsprachen die damaligen Sortenwechselkurse zu D-Mark-Zeiten in etwa dem Stand von heute zum Euro. Will sagen, wenn ich mich recht erinnere, musste ich damals für ein Pfund Sterling etwa zwei Mark  hinlegen. Und jetzt lag der Wechselkurs etwa bei einem Euro plusminus pro Pfund. Dennoch waren die Unterkünfte, die ich mit meinen Kommilitonen vor zwanzig Jahren bei Rundtripps durchs Land aufgesucht habe, deutlich günstiger zu haben als die Herbergen, die ich dieses Jahr heraus gesucht hatte. Beispielsweise bezahlten wir damals in einem gottverlassenen Kaff im Nordwesten Schottlands mit dem hübschen Namen Achmelvich für das Lager pro Nase etwa vier Euro. Klar war Selbstversorgung vorausgesetzt, aber heute kommt man nicht mehr unter 15 Euro weg, egal wie primitiv die Unterkunft ist. Und solche Herbergen sind sehr rar gesät beziehungsweise bereits auf Monate im Voraus ausgebucht.
Natürlich ist die Sachlage gefühlt auch ein bisschen anders, wenn man als junge Erwachsene, nur sich selbst verpflichtet und ohne Anhang, in diesem Land studiert und dort auch seinen Wohnstützpunkt hat. Die Reisezeiten sind anders und freier, man ist quasi schon vor Ort und kennt jemanden, der wiederum jemanden kennt, bei dem man gut wohnen kann. Und als Studentin ist man es ohnehin gewohnt, auf unnötigen Luxus zu verzichten. Da hatte ich jetzt bei dem kleinen Rundtripp mit Tochter schon ein bisschen andere Ansprüche.
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Elgin im Norden von Schottland – schnuckelig und malerisch

Aber krass fand ich, dass man heute für eine banale Postkarte nach Deutschland über einen Euro Porto bezahlen muss. Dafür haben wir in diesem Urlaub echt ein kleines Vermögen hingelegt.
Damals hatte ich viele Briefe und Postkarten nach Hause geschrieben, aber nur einen Bruchteil dessen gezahlt, was heute verlangt wird.

Eigentlich würde ich gerne sehr bald noch einmal nach Schottland reisen, aber es ist eben nicht billig. Und jetzt, nachdem das United Kingdom mit seinem Austritt aus der EU wieder zu altem nationalen Glanz und Glorie zurückfinden will, bin ich mir nicht sicher, ob es schlau ist, auf der Insel so schnell wieder Urlaub zu machen. Vielleicht mache ich es trotzdem – vielleicht gibt es ja noch mal ein Referendum der Schotten und diesmal schotten sich die Schotten von England ab. Wer weiß – dann hätte William Wallace letztendlich doch noch sein Ziel erreicht!
 Autor: Susanne Mentz

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