Risiken und Nebenwirkungen – Welche Rolle spielen Medikamente in unserem täglichen Leben?

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass jeden Tag, so kurz vor acht, auf vielen Fernseh-Sendern das gleiche läuft? Werbung für frei verkäufliche Medikamente. Ob Schnupfen und Heiserkeit, Kopfschmerzen, Verstopfung,  Gelenkschmerzen oder nervöse Unruhe und Schlaflosigkeit. Ein paar Tropfen, eine kleine Tablette und all diese Probleme sind vermeintlich schnell und effektiv gelöst. So wird es zumindest suggeriert und von vielen Menschen auch so angenommen.

Ein gutes Geschäft für die Pharmaindustrie – für die Verbraucher allerdings mit einem gewissen Risiko verbunden. Zum Beispiel steckt selbst in so harmlos scheinenden Medikamenten wie einem simplen Nasenspray gegen Schnupfen oder Allergie ein Abhängigkeitspotential. Anfangs nur zur Bekämpfung einer verstopften Nase genommen, lässt die Wirkung mehr und mehr nach und immer häufiger muss „gesprüht“ werden um die gewünschte Wirkung zu erreichen. Die gute Nachricht dabei: Aus diesemTeufelskreis kommt Mann/Frau auch wieder raus. Braucht etwas Geduld, aber es klappt.

Viele abhängigkeitsfördernde Substanzen sind leicht zu bekommen

Ganz anders sieht das mit den Medikamenten aus, die zum Beispiel gegen Stress am Arbeitsplatz oder bei Prüfungsangst genommen werden. Gibt es – zumindest aus meiner Sicht – viel zu viel und viel zu leicht. Da wird schon Schülern vermittelt, keine Panik, du nimmst eine Tablette und du wirst sehen, alles kein Problem. Test bestanden, hat hervorragend geklappt, machen wir doch beim nächsten Mal wieder so …

Zu den Medikamenten, die in Deutschland zu den häufigsten Suchtmitteln gehören, zählen Schlaf- und Beruhigungsmittel, Anregungsmittel und Appetitzügler, sowie Schmerz- und Betäubungsmittel.

Viele der Schlaf- und Beruhigungsmittel enthalten den Wirkstoff Benzodiazepine. Ein Wirkstoff, der bereits nach kurzer Zeit zur körperliche Abhängigkeit führen kann. Wird ein Medikament mit diesem Wirkstoff nach einem längeren Zeitraum des Konsums abgesetzt, kann es zu körperlichen Reaktionen wie Schlafstörungen, innerer Unruhe oder Angstzuständen kommen. Diese Symptome, die schon sehr einem Entzug ähneln, auszuhalten ist schwer und wird viele Menschen dazu verleiten, wieder zu Medikamenten zu greifen.

Auch Überforderung im Job kann zu einer Medikamentenabhängigkeit führen

Für viele Medikamente, die uns im täglichen Leben begegnen, lässt sich eine ähnliche Entwicklung beschreiben. Abführmittel zum Beispiel: Der Darm gewöhnt sich schnell an diese Unterstützung. Folge: Nach dem Absetzten kommt es zur Verstopfung, also wieder her mit den Laxanzien. Oder Harntreibende Mittel – Sie werden gerne auch genutzt um überschüssige Kilos loszuwerden. Das dabei die eigentlich verantwortlichen Fettzellen eben nicht „schmelzen“, der Körper aber Wasser und wichtige Mineralstoffe verliert, wird gerne ausgeblendet. Die Folgen für das Herz-Kreislauf-System und die Nieren können gravierend sein.

Ich weiß, dass ich mit dieser Aufzählung nur an der Oberfläche eines sehr komplexen Themas kratze. Menschen, die Medikamentenabhängig sind, sieht man das auf den ersten Blick oft nicht an. In der Ausbildung zur Fachkraft für betriebliche Suchtprävention wurden wir darauf hingewiesen, dass diese Form der Abhängigkeit nur sehr schwer zu greifen und für Laien wohl auch nicht erkennbar ist.

Dennoch soll auch die Medikamentenabhängigkeit Teil meiner Serie unter der Überschrift Sucht sein und deutlich machen, dass es – wie bei vielen Formen der Abhängigkeit – auch hier als ungefährlich empfundenen Stoffe sein können, von denen eine Gefährdung ausgeht.

Medikamentenabhängigkeit – das geht uns alle an

Im Jahrbuch Sucht 2017 geht die Deutsche Hauptstelle Sucht (DHS) davon aus, dass ungefähr 1,9 Millionen Menschen in Deutschland abhängig von Medikamenten sind. Dabei wird darauf hingewiesen, dass mehr Frauen als Männer Gefahr laufen, von Medikamenten abhängig zu werden. So scheint es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Mehrfachbelastung von Frauen durch Familie und Beruf und der Einnahme von Medikamenten – auch sogenannte psychoaktive Substanzen – zu geben. Mit zunehmendem Alter steigt die Medikamenteneinnahme und die Gefahr in eine Abhängigkeit zu geraten. Männer greifen in derselben Situation deutlich häufiger zum Alkohol.

Im beruflichen Umfeld beschäftigt mich das Thema „Medikamentenabhängigkeit“ vor dem Hintergrund der steigenden psychischen und physischen Belastungen des modernen Arbeitslebens unter der Überschrift Digitalisierung 4.0. Die Angst, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein, den Anschluss in einer sich immer schneller verändernden Berufswelt und damit eventuell den Arbeitsplatz zu verlieren, erhöht den Druck im Berufsleben enorm. Der Versuch, diesen Druck durch eine Medikamenteneinnahme zu kompensieren mag verständlich sein. Eine Lösung – kurzfristig oder sogar dauerhaft – ist es auf gar keinen Fall.

Der Satz „zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ sollte wörtlich genommen werden. Im eigenen Interesse sollten Sie mit Ihrem Arzt genau besprechen, ob eine Therapie mit einem möglicherweise abhängigkeitsfördernden Medikament tatsächlich notwendig ist und wie lange die Einnahme des Medikamentes erfolgen muss.

Autor: Isabel Achilles

Teil 1: Suchterkrankungen im Arbeitsleben
Teil 2: Alkoholkonsum – zwischen Maß und Übermaß

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