Faszination Ultralauf

Steil bergauf geht es oftmals beim Ultralauf

Für viele, die den Spaß am Laufen gefunden haben, ist irgendwann mal ein Marathon das große Ziel. Einmal im Leben diese sagenumwobenen 42,195 km zu bewältigen – egal wie, das treibt viele Hobbyläufer an. Bei mir war es genauso, nur das aus dem einen Mal gleich mehrere Male wurden. Mit zunehmender Vertrautheit über diese Distanz dachte ich mir, warum soll hier Schluss sein – geht nicht noch mehr und wie fühlt sich das an?

Und so kam es, dass ich mich 2009 zu meinem ersten Ultralauf angemeldet habe. Es war der Rennsteiglauf über 72,7 Km über den Höhenkamm des Rennsteiges im Thüringer Wald.  Hier hatte ich die Kombination von allem: Trailrunning, Berglauf und Langdistanz.

Ein Ultralauf ist alles, was in der Länge über die übliche Marathondistanz hinausgeht. Es gibt dabei die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Tagesetappen, Mehrtagesläufe oder Nachtläufe. Alle Läufe sind top organisiert. Angefangen von der Verpflegung, möglichen Rücktransporten, Massageangeboten bis hin zur ärztlicher Versorgung. Bei den größeren Veranstaltungen über mehrere Tage ist es meist üblich, dass man seine Ersatzkleidung bzw. seine Verpflegung mit sich führen muss. Bei den kleineren Veranstaltungen, die innerhalb eines Tages zu bewältigen sind, muss in der Regel eine gewisse Grundausrüstung mitgeführt werden: Handy, Trillerpfeife, Verbandsmaterial, GPS, Ersatz- und Regenkleidung etc.

Traumhafte Ausblicke sind der Lohn für die steilen Aufstiege

Wie erwähnt war der Rennsteiglauf meine erste Erfahrung mit einer Ultradistanz. Obwohl ich Marathon-Erfahrung hatte und schon viele lange Trainingseinheiten hinter mich gebracht hatte, war auf einmal alles neu und aufregend. Viele Fragen gingen mir durch den Kopf. Die Antworten bekam ich von erfahren Ultraläufern, vom Sportarzt sowie aus vielen Berichten in einschlägigen Zeitschriften und Internetseiten.

In der Vorbereitung trainierte ich länger – sowohl was die Zeit anging, als auch die Länge der einzelnen Einheiten, wobei ich nie über 46 bis 48 Kilometer in den Trainingseinheiten hinausgegangen bin. Je näher der Zeitpunkt des Startes kam, desto nervöser wurde ich. Komischerweise hält diese Nervosität bei mir immer genau bis zum Zeitpunkt des Startschusses. Als ich das Rennen dann endlich beginnen konnte, lief alles voll automatisch und ich beruhigte mich.

Auch Holzbohlen über eine Moorwiese müssen manchmal als Weg herhalten

Ich lief mit, die Berge hoch und runter, machte meine Pausen und genoss die Aussicht und die zahlreichen Verpflegungsstationen, an denen immer wieder nette und unterhaltsame Menschen zu treffen waren. Die Ultraläufer sind wie die Bergläufer Genussmenschen, bei denen das Erlebnis im Vordergrund steht. Auch die Helfer und Zuschauer sind gelassen, motivierend und unterstützend zugleich.

Was mich während des Laufes aber nie in Ruhe gelassen hat, waren die Gedanken, wie es nach der Marathondistanz sein wird. Mit Überschreiten dieser Distanz lief mir ein kalter Schauer durch den Körper – soweit war ich bei einer Laufveranstaltung noch nie gelaufen und es ging immer noch recht gut. Ich war den Tränen nahe, obwohl ich diese Distanz von meinen Trainingsläufen her kannte. Training und Wettkampf sind einfach zweierlei paar Stiefel.
Wichtig für mich war mein Tempo zu laufen, meine Pausen zu machen, so wie ich sie brauchte. Dazu gehören auch Geh-Einheiten, um die Muskulatur wieder locker zu bekommen.

Für mich ist es wichtig, beim Ultralauf frei von Zwängen zu sein, entspannt zu bleiben und Ruhe zu bewahren. Für mich ist es wichtig,  anzukommen und trotz körperlicher Anstrengung den Lauf zu genießen, auch wenn es mal nicht so rund läuft und ich am liebsten aufhören würde.

Malerische Berghütte auf dem Weg eines Ultra-Laufs im Allgäu

Einzigartig sind die besonderen Momente während eines Ultralaufes, die ich so durchlebe. Jeder Läufer kennt es womöglich oder hat schon davon gehört, dass das Laufen den Kopf freimacht. Dennoch schießen mir immer wieder neue Gedanken durch den Kopf.  Bei dem einen oder anderen Lauf registriert man überhaupt nicht, dass man schon viel länger unterwegs ist, als es sich anfühlt.
Bei meinen Ultraläufen haben sich diese Erfahrungen nochmal verstärkt. Es sind nicht die üblichen Gedanken an Dinge, die man noch zu erledigen hat. Nein, hier waren und sind es immer wieder sehr emotionale Gedanken, die mir durch den Kopf schießen: Von kalten Schauern, über Gänsehaut, fröhlichen Erinnerungen mit Lacheinlagen bis hin zu Tränen in den Augen. Das ist immer wieder erstaunlich, was ich hier erleben kann.

Auch das berühmte „Runners High“, von dem man immer wieder hört und liest, habe ich schon durchlebt – auf unterschiedlichste Art und Weise. Einmal in der Form, dass ich mich im Nachgang nicht mehr an alle Einzelheiten des Laufes erinnern konnte oder in der Form, dass ich gefühlt hätte ewig laufen zu können – wie eine Maschine, nonstop ohne Anstrengung und ohne Schmerz, immer im gleichen Tempo immer weiter und weiter.

Es ist einfach irre, zu was der Körper in der Lage ist zu leisten. Das Ultralaufen ist eine enorme körperliche Herausforderung, die bei mir nur wohl dosiert zum Einsatz kommt. Es ist eine (Grenz-)Erfahrung, die neue Seiten aufzeigt und den Horizont erweitert.

Autor: Ulf Schmidt

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