Eiger Ultra Trail – Herausforderung am Fuße der Eiger Nordwand

Am Laucherhorn – ungefähr auf der Hälfte des 51 Kilometer langen Berglaufs

Bereits 2015 habe ich zum ersten mal vom Eiger Ultra Trail erfahren. Die Ausschreibung und die Streckenvarianten, die hier angeboten wurden, haben mich schnell gefesselt. Es klang alles sehr spannend, so dass ich nicht lange überlegen musste – zumal ich die Landschaft um Grindelwald herum einfach bezaubernd finde. Mein Entschluss stand fest: Da will ich hin.

Kurzerhand hatte ich die Seite des Veranstalters im Internet aufgerufen um mich anzumelden. So schnell wie ich das getan hatte, so schnell kam die Enttäuschung: Die Veranstaltung für 2016 war bereits vollständig ausgebucht. Es gab keine Chance mehr, dennoch lies mich dieser Lauf nicht los und so verschob ich das Vorhaben ins nächste Jahr, also auf 2017.
Im Oktober 2016 war es dann soweit, pünktlich mit der Öffnung der Anmeldung saß ich am PC und legte los. Zum Glück, denn erneut waren innerhalb weniger Tage die meisten der angebotenen Strecken bereits ausgebucht. Die Vorbereitung konnte beginnen!

Blick auf den Campingplatz in Richtung First

Im Juli machte ich mich dann auf den Weg nach Grindelwald. Am Campingplatz „Eigernordwand“ angekommen richtetet ich mich zuerst häuslich ein, stellte mein Zelt auf und verschaffte mir einen ersten Eindruck. Der Campingplatz war sehr gut besucht und so dauerte es auch nicht mehr lange, bis das Schild „ausgebucht“ angebracht wurde. Die meisten der Besucher waren aus dem gleichen Grund hier wie ich.

Vom Campingplatz aus war ich innerhalb von 20 Minuten in Grindelwald-Dorf. An der Brücke der Zahnradbahn, die über die Hauptstraße von Grindelwald führte, hing bereits ein großes Banner mit der Aufschrift „Welcome Trailrunners“. Sofort schlug mein Herz ein wenig schneller und die Aufregung stieg, obwohl es ja noch zwei Tage bis zum Lauf waren. Im Dorf war schon ein reges Treiben. An vielen Ecken wurde fleißig aufgebaut. An der Zufahrt zum zentralen Busparkplatz stand bereits das „Starttor“, nebenan wurden Verkaufsstände aufgebaut und Absperrgitter aufgestellt.

Auch der Zieleinlauf war bereits gut zu erkennen. Oberhalb des Busparkplatzes befand sich das Sportzentrum. Von hier wurde eine Holzbrücke über die darunterliegende Straße gebaut, die mit einer steilen Rampe in den Zieleinlauf mündete. Es war alles sehr beeindruckend, alleine schon das Banner, das über der Holzbrücke hing. In großen Lettern stand dort „Welcome Finisher“. Wenn ich so etwas im Vorfeld eines Laufes lese, beginnt bei mir das Kopfkino an zu laufen und eine leichte Unruhe macht sich in mir breit. Das erste Adrenalin schoss mir durch die Adern.

Meine erste Nacht auf dem Campingplatz war schnell vorbei. Bereits um kurz nach neun Uhr war ich wieder im Sportzentrum, um meine Startunterlagen zu holen. Dies war gar nicht so einfach, denn der Veranstalter hatte klare Vorgaben. Ohne vollständige Pflichtausrüstung gibt es keine Startnummer. Also musste ich bereits meinen gepackten Laufrucksack dabeihaben und schön brav vorzeigen. Ich hatte eine nette Dame vor mir, die das erste Mal eine Kontrolle durchführte und alles genauestens nach Checkliste prüfte.

Zuerst den Ausweis und das unterschriebene Selbsterklärungsformular und dann ging es an die Details der Pflichtausrüstung, die jeder Läufer während des Rennes bei sich zu führen hat:

Der Ultra Trail im Höhenprofil

Mütze, Handschuhe, Sonnenbrille, Langarmshirt und lange Laufhose, eine Laufjacke aus Gore Tex, eine Trillerpfeife, Rettungsdecke, Verbandsmaterial, Getränkebehälter (mindestens 500 ml), einen Faltbecher und Handy. Empfohlen wurden noch Trailrunningstöcke und eine kleine Menge an Eigenverpflegung.
Ich kann sagen, mein Laufrucksack war gut gefüllt. Mehr hätte es nicht sein dürfen. Die Dame war zufrieden und so bekam ich meine Startnummer 1871 und diverse Informationen zur Veranstaltung sowie ein paar nette Dinge als Beigabe.

Der Vormittag verging wie im nu und so konnte ich den Nachmittag entspannt auf dem Campingplatz verbringen. Bei einem Sonne-Wolken-Mix machte ich es mir gemütlich, richtete meine Laufsachen und entspannte noch ein wenig, denn morgen war endlich Laufen angesagt. Gegen Spätnachmittag traf meine Partnerin und persönliche Betreuerin Beate auf dem Campingplatz ein. Gemeinsam besuchten wir das Briefing, das um 18 Uhr stattfand.

Unzählige Menschen versammelten sich am Sportzentrum und warteten auf den Beginn. Doch zuerst spielte eine Albhornbläserin bevor die offizielle Begrüßung begann. Dann kamen die Kinder an die Reihe. Denn zum Briefing gehörten nicht nur zahlreiche Informationen, sondern auch die Kinderläufe, die vor dem offiziellen Teil starteten. Das war ein cleverer Schachzug des Veranstalters, denn so bekamen die Kinder auch die Aufmerksamkeit der zahlreichen Athleten und Besucher, was natürlich der Stimmung enorm zuträglich war.

Eingeleitet wurde der Kinderlauf mit der Trachtengruppe, die mit lautem Kuhglockengeläut mitten durch die Zuschauermenge liefen. Dann erfolgte der Startschuss und die Kinder machten sich auf den Weg und genossen sichtlich das Bad in der Menge. Ich muss sagen, das war toll anzusehen und für die Kinder natürlich ein ganz besonderes Highlight.

Es folgten zahlreiche Interviews mit nationalen und internationalen Läufergrößen, denn dieser Lauf war nicht irgendein Lauf. Auf der großen Strecke fanden hier im Rahmen der Ultra Trail World Tour, zu dem der Eiger Ultra Trail gehört, die Schweizer Meisterschaften im Tailrunning statt.

Nach dem Briefing hieß es für mich rasch zum Campingplatz und ausruhen, denn der morgige Tag sollte schon früh beginnen. Die Nacht war unruhig und gefühlt hatte ich nicht viel Schlaf, denn die ersten Läufer der großen Runde machten sich bereits um 2 Uhr nachts auf die Socken zum Start. Somit war viel Trubel auf dem Gelände.

Kurz vor dem Start stieg meine Nervosität

Um 4.30 Uhr riss uns ein lauter Donnerschlag aus dem Schlaf – Gewitter? Nein, es war der Startschuss für die ersten Läufer, die sich für heute eine Mammut-Tour über 101 KM mit 6.700 Steigungsmetern vorgenommen hatten.

Ab hier war für uns die Nacht vorbei. Ich schlich unter die Dusche und richtete mich für meinen großen Tag. Laufklamotten an, Rucksack geschnappt und los ging es. Das Frühstück, welches vom Veranstalter angeboten wurde, nahmen wir im Café des Sportzentrums ein. Es gab allerlei leckere Sachen. Das war ein guter Start in den Tag.

 

 

Je näher meine Startzeit kam, desto mehr stieg meine Nervosität. Ich hatte zwar schon einige Trail- und Bergläufe absolviert, konnte die vor mir liegende Strecke aber nicht so richtig einordnen. Das Profil der Strecke war eindeutig und das sagte mir, dass es eine Herausforderung geben wird.

Es gab zwei Startblöcke. Der erste Block machte sich um 6.45 Uhr auf die Strecke. Dieser war für Läufer, die nach persönlicher Einschätzung weniger als 9 Stunden und 30 Minuten für die Distanz benötigten. Ich hatte mich für den zweiten Startblock angemeldet. Mein Start war für 7.00 Uhr angesetzt.

Nur noch wenige Minuten bis zum Start des Eiger Ultra Trail

Beate und ich beobachteten den Start des ersten Blocks. Schnell waren rund die Hälfte der 800 gemeldeten Läufer unterwegs. Ein kurzer Abschied und ich machte mich auf in den Startbereich und versuchte die Stimmung aufzusaugen. So früh am Morgen war doch schon einiges los. Einzelne Gäste der gegenüberliegenden Hotels waren schon wach und beobachteten das Treiben von ihren Balkonen aus.

Ehe ich mich versah, war es dann soweit. Der Countdown wurde runter gezählt. Ein lauter Knall und los ging es – endlich. Die innere Anspannung löste sich spontan. Ich durfte endlich auf die Piste und diese hielt so einiges parat für mich – hier die Eckpunkte:
Distanz: 51 Kilometer
Steigung/ Gefälle: +/- 3.100 Meter
höchster Punkt auf der Strecke: 2.681 Meter
Wetter: morgens Wolken, nachmittags sonnig
Temperaturen in den Bergen: maximal acht Grad bei kräftigem Wind
Zeitlimit: 14 Stunden

Die Strecke führte mich zu folgenden Punkten (Höhenmeter und Kilometer):
Start in Grindelwald (1.034 HM, Km 0) – Große Scheidegg (1.959 HM, Km 8) – First (2.150 HM, Km 14) – Feld (2.130 HM, Km 20) – Faulhorn (2.681 HM, Km 24) – Schynige Platte (1.985 HM, Km 37) – Burglauenen (905 HM, Km 44) – Ziel in Grindelwald (1.034 HM, Km 51)

Neben dem 101 und dem 51 Kilometer-Lauf wurde noch Läufe mit 35 Kilometern und 16 Kilometern angeboten, die ebenfalls mit einem anspruchsvollen Profil auf die Läufer warteten.
Der Eiger Ultra Trail wurde dieses Jahr zum fünften Mal ausgetragen. Insgesamt waren 2.600 Läufer aus 65 Ländern angemeldet. Dies ist auch das Maximum, was der Veranstalter aufnimmt, um die Qualität des Laufes und die Sicherheit aller Teilnehmer zu gewährleisten.

Was mich am meisten beunruhigten waren nicht die Distanz oder die Höhenmeter, sondern eher die vorgegeben Zeitlimite an den einzelnen Kontrollposten. Wer die Kontrollposten nicht vor dem Zeitlimit wieder verlassen hat, wird gnadenlos aus dem Rennen genommen. Dies konnte ich absolut nicht einschätzen und hatte zu Beginn so meine Bedenken. Darüber nachzudenken half mir aber nicht weiter. Meine Devise hieß also einfach laufen und schauen was geht und dabei die Uhr im Auge behalten.

Nachdem wir den Startbereich verlassen hatten konnten ich Beate noch einmal kurz am Wegesrand stehen sehen und mich „verabschieden“. Sie wünschte mir viel Spaß und Erfolg.
Schnell waren wir aus Grindelwald-Dorf heraus. Von Anfang an ging es gleich bergauf. Schnell spürte ich, wie ich ins Schwitzen kam und mir das Wasser über das Gesicht lief. Bei Kilometer 2,5 der erste Stau, die erste Engstelle galt es zu bewältigen. Ein schmaler Pfad führte uns auf eine Brücke, die über einen Gletscherbach führte. Gewaltige Felsblöcke lagen im Flussbett, die sanft vom Schmelzwasser der Gletscher umspült wurden.

Es fiel mir schwer einen richtigen Rhythmus zu finden, ständig stockte es bei der kleinsten Erhebung. So nutze ich jede Gelegenheit, um zu überholen, was aber nicht oft der Fall sein sollte. Bei Kilometer fünf stand bereits ein erster Fotograf, der uns fleißig ablichtetet.

Warum der Fotograf bereits hier seinen Platz eingenommen hatte wurde mir schnell klar, denn kurz nachdem ich ihn passiert hatte wurde die Strecke steiler und steiler. An Laufen war nicht mehr zu denken. In Serpentinen kletterten wir den Hang nach oben. Meter um Meter liefen wir im Entenmarsch hintereinander her. Schnell errichten wir das erste Schneefeld. Rechte Hand türmte sich die erste Felswand.

Aufstieg zur Großen Scheidegg

Schmale Trampelpfade, leicht aufgeweicht vom Regen des Vortages, brachten den einen oder anderen Mitstreiter bereits in Schwierigkeiten. Hier zeigte sich schnell, wer bereits Erfahrung mit Wander- bzw. Trailrunningstöcken hatte. Ich hatte leider das Pech, dass ein weniger Erfahrener genau vor mir war. Er fuchtelte unkontrolliert mit seinen Stöcken in der Luft herum, rutschte ständig aus und scherte sich einen Dreck um seinen Hintermann, also um mich. Nachdem ich seinen Stock zuerst am Bein und dann an der Hand spürte, hielt ich einen etwas größeren Abstand. Die nächste Möglichkeit, die sich mir bot, nutze ich zum Überholen. Dies war kurz vor der großen Scheidegg, die ich nach 1 Stunde 20 Minute erreichte. Bis hier hin war es fast nur eine Wanderung im Entenmarsch. Das hatte ich mir so nicht vorgestellt.

Die ersten 1.055 Höhenmeter hatte ich bereits nach 8 Kilometern hinter mir. Der Schweiß lief mir ordentlich über das Gesicht, das Laufshirt war klatschnass. An der ersten Verpflegungsstation waren die Anfeuerungsrufe der Zuschauer schon groß, was jeden von uns weiter motivierte.

Das erste Wasser bzw. Isogetränk war jetzt dringend nötig. Meine mitgeführte Eigenverpflegung sparte ich mir für unterwegs auf. Also zog ich meinen Faltbecher und lies mir diesen gleich zweimal füllen.
Der Faltbecher ist eine praktische Sache. Er ist klein, handlich und erspart dem Veranstalter die ganzen Papp- oder Plastikbecher, die es sonst bei den Läufen gibt und die später über mehrere hundert Meter verteilt herumliegen. So bleibt die Umwelt sauber und jeder Läufer bekommt dennoch zügig sein Getränk.

Am First bei Kilometer 14 auf 2.150 Meter

Auf der großen Scheidegg war es sehr frisch am frühen Morgen und der Wind pfiff mir kräftig um die Ohren. Die ersten Mitstreiter hatten bereits Handschuhe an, mir reichte die Jacke, in der es mir recht schnell wieder warm wurde, denn die Steigungen gingen gleich weiter.
Von hier oben hatte ich bereits einen super Ausblick. Es war zwar bewölkt, aber ich konnte zur linken Hand schön nach Grindelwald herunterschauen und rechter Hand die wunderschöne Berglandschaft mit einem kleinen Bergsee betrachten.
Vorbei an den ersten Kühen, die es sich mitten auf der Strecke bequem gemacht hatten lief ich auf schmalen Wegen zum nächsten Etappenziel. Die Wege führten mich am Hang entlang, vorbei an wunderschön blühenden Almwiesen. Einfach nur schön fürs Auge.
Mal lief ich, mal ging ich, mal überholte ich, mal wurde ich überholt. Es war immer ein hin und her. Beim Anstieg zum First bei Kilometer 13 merkte ich, dass ich bereits ein wenig Kraft gelassen hatte.

Je näher ich zum First kam, je voller wurde das Wandergebiet. Da die Bergbahn heute einen Sonderfahrplan hatte, ergab es sich, dass sich doch schon zahlreiche Begleitpersonen und Wanderer hier oben befanden, so auch Beate. Schon von weitem konnte ich sie erkennen, wir winkten uns zu. Es war schön sie zu sehen. Ich freute mich sehr, zumal es heute die einzige Gelegenheit sein würde, bei der sie mich auf der Strecke anfeuern konnte.

Der „First Cliff Walk“

Nach einem kurzen Plausch führte mich der Weg einmal um die Bergspitze des First herum. Vor zwei Jahren wurde hier der sogenannte „First Cliff Walk“ eröffnet, der natürlich Bestandteil der Laufstrecke war.
Der „First Cliff Walk“ ist ein frei hängender, stählerner Steg, der sich am Fels entlang über dem Abgrund um den First herum windet. Ein wahnsinniges Gefühl ist das, hier drüber zu rennen. Darauf hatte ich mich schon seit ein paar Tagen gefreut. Allerdings fängt der Weg enorm an zu wippen, wenn sich mehrere Läufer gleichzeitig darauf befinden. Schnell musste ich mein Laufen einstellen – irgendwie passte mein Laufschritt nicht zur Wippbewegung des Steges, was meinem Hintermann gar nicht gefiel. Ich hörte ihn nur rufen „go on, go on“, aber egal – schnell war es vorbei und am anderen Ende gab es wieder einen Verpflegungsposten.

Die ersten 14 Kilometer hatten es bereits in sich und ich hatte länger dafür gebraucht, als ich gedanklich für mich veranschlagt hatte. Das Zeitlimit war aber noch Ok – ich hatte noch eine Stunde Puffer.

Nachdem ich mich verpflegt und von Beate verabschiedet hatte ging es für mich weiter. Das nächste Etappenziel sollte der Bachalpsee sein. Direkt nach dem First hieß es für mich wieder gehen. Im schnellen Nordic Walking Schritt hechelte ich den Anstieg hinauf, vorbei an unzähligen Wanderern, die gefühlt inzwischen zahlreicher waren als die Läufer.

Etwas überrascht war ich, dass ich hier bereits die ersten 101 Kilometer-Läufer überholen konnte, obwohl diese bereits zweieinhalb Stunden eher los sind als ich. Gut – sie hatten auch bereits eine kleine Schleife von 8 Kilometern mehr in den Knochen.
Bis zum Bachalpsee wurde es nun flacher und die Wege waren breit. Allerdings zog eine dicke Wolkendecke direkt über uns und machte die Gegend unlustiger und kälter. Auch von den schönen Ausblicken war nichts mehr zu sehen. Im Laufschritte erreichte ich schnell den Bachalpsee, der nur 3 Kilometer vom First entfernt ist.

Vor ein paar Jahren war ich hier schon einmal wandern und kannte somit die Gegend und den Weg, der am See entlangführte. Allerdings nutzte mir das nicht viel, denn die Laufstrecke führte uns nicht auf dem mir bekannten Weg weiter. Ich konnte nur einen kurzen Blick auf den See werfen, bevor es scharf links weiter den Berg hochging. Es hieß einmal um den Berg Reeti herum, weiter in Richtung Oberläger Bussalp.
Jetzt wurde es noch schöner als bisher und richtig anspruchsvoll zugleich. Wege, wie ich sie liebe, schmal, steinig, ausgewaschen, gespickt mit Auf- und Abstiegen, so groß wie zwei Treppenstufen auf einmal.

Nach einem gemächlichen leichten Anstieg machte der Pfad einen großen Bogen. Vor mir lag eine 180-Grad-Kehre, die dann steil nach oben führte. Ich merkte, wie die Kraft in den Beinen immer weniger und mein Atem schneller wurde. Aber der Gruppenzwang im Entenmarsch lies mir keine Alternativen – einfach weiterlaufen, denn wenn einer steht, stehen alle. Ein Überholen war nicht möglich.

Oben angelangt, warteten auf uns ein paar Sanitäter, die jedem tief in die Augen schauten und in ein Gespräch verwickelten. Sind wir alle noch fit und geht es uns gut?
Eine kurze Trinkpause und dann ging es weiter. Das, was ich erst mühsam erklommen hatte, durfte ich nun wieder bergab laufen. Mir liegt das Bergabläufen, aber das hier hatte mit meinen bisherigen Erfahrungen nichts zu tun. Der Weg glich einem ausgewaschenem Bachbett, in dem nur Steine lagen. Es war verrückt, aber irgendwie hat es mir Spaß gemacht und ich konnte auch den einen oder anderen Läufer überholen.

Am Bachalpsee

Zwischen kilometer 20 und 21 erreichte ich Feld (Oberläger/Bussalp). Die Laufstrecke führte direkt in einen Kuhstall. Hier gab es erneut eine Verpflegungsstation. Keine frische Milch von der Kuh, sondern Bouillon, isotonische Getränke, Tee, Cola, Obst, Chips und Nüsse mit extra viel Salz.

Ein kurzer Blick auf die Uhr signalisierte mir grünes Licht – das Zeitlimit machte mir aktuell keine Probleme. Ich genoss die Pause, ruhte mich auf einem Strohballen aus und beseitigte einen lästigen Stein aus dem Schuh. Denn die nun vor mit stehende Herausforderung war mein Schrecken des Tages und beschäftigte mich schon seit der Anmeldung zum Lauf. Der Aufstieg zum Gipfel des Faulhorn auf 2.681 Meter. Das bedeutete ganze 650 Steigungsmeter auf kurze 3 Kilometer.

Aus dem Kuhstall raus, eine leichte Linkskurve und dann ging es quer über die Almwiese Richtung Faulhorn. Der Anfang war recht verhalten, doch das hielt nicht lange. Nach der nächsten Kurve stand dann die Wand vor mir. Den Gipfel konnte ich nicht sehen, dafür aber jede Menge Läufer, die wie eine endlos lange Seilschaft Richtung Gipfel unterwegs waren. Ich reite mich in die Seilschaft ein und versuchte meinen Schritt zu finden, gleichmäßig und stetig. Schritt um Schritt bezwangen wir gemeinsam jeden Meter.

Immer wieder stiegen einzelne Läufer aus und machten Pause, schnauften, tranken und setzten sich hin. Leider gab es auch Läufer, die über ihre Grenzen hinausgingen und sich vor Erschöpfung übergeben mussten. Das ist kein netter Anblick.
Ungefähr in der Hälfte des Anstiegs war dann auch ich mal an der Reihe. Ich hatte keine Luft mehr und die zunehmende Höhe zeigte bei mir die erste Wirkung. Mir wurde etwas drimmlig im Kopf – ich hielt an und verschnaufte kurz. Sonst ging es mir gut – ich wollte aber endlich diese Steigung hinter mich bringen.

Ein Blick nach oben und ich konnte das erste Mal den Gipfel des Faulhorns erblicken. Nur der Weg führte nicht dorthin, sondern machte eine Rechtskurve weg vom Gipfel. Was soll das denn? Ich konnte es nicht glauben, aber weiter oben konnte ich dann ein paar Läufer entdecken, die sich auf dem Grad entlang Richtung Gipfel quälten. „Oh Gott, und da muss ich noch hoch – das nimmt ja überhaupt kein Ende“.

In der Ferne das Faulhorn mit Berghütte auf 2.681 Meter

Es war ein langer und sehr anstrengender Aufstieg, der mir viel abverlangte. Die letzten Serpentinen zum Gipfelhaus waren dann noch die Krönung, aber ich hatte es geschafft. Stolz und voller Zufriedenheit genoss ich die Aussicht und die Verpflegung.
Inzwischen zeigte sich dann auch öfters die Sonne und ein Blick Richtung Eiger, Mönch und Jungfrau war möglich. Es war traumhaft und ich kann nur jedem empfehlen, hier oben mal wandern zu gehen.

Der mühsame Aufstieg zum Gipfel hatte bei mir zum Glück keine zeitlichen Einbußen nach sich gezogen. Nach 5.09 Stunden, 24 Kilometern und über 2.300 Steigungsmetern war ich am Gipfel, somit verblieben noch über 1.30 Stunden bis zum Zeitlimit. Da ich nun den höchsten Punkt der Strecke erreicht hatte, sollte mich dieses Thema von nun an auch nicht weiter beschäftigen. Ein Blick zurück auf die Laufstrecke nach unten zeigte weiterhin eine Endlosschlange an Mitstreitern, die sich noch nach oben quälten. Zum Glück hatte ich das hinter mir.

Nach einer ausgiebigen Pause machte ich mich wieder auf den Weg. Schmale Bergwege führten mich Meter um Meter nach unten. Schnell wurde es dann auch sonniger und deutlich wärmer. Ich war froh wieder laufen zu können und genoss es in vollen Zügen. Die Wege, die Sonne und die wunderbaren Aussichten, es war einfach nur klasse und beindruckend.

Auf halber Strecke vom Faulhorn in Richtung Schynige Platte tauchte plötzlich ein Helikopter am Himmel auf, der immer tiefer sank und einen Landeanflug versuchte. Allerdings ohne Erfolg. Er flog weiter.
Die Wege waren inzwischen sehr steinig geworden und forderten höchste Konzentration. Nicht kleine, sondern recht große Brocken machten den Abstieg zur Herausforderung. Links ging es steil den Hang hinunter und zahlreiche Wanderer, die mir entgegenkamen und langsame, ängstliche Läufer machten den Abstieg nicht einfacher.

Vor mir lag das Berghaus Männdlen und hier tauchte plötzlich wieder der Helikopter auf. Ich konnte gut beobachten, wie ein erneuter Landeanflug auf der dahinterliegenden Bergwiese scheiterte.
Als ich die Berghütte erreichte, stürmte der Hüttenwirt auf mich zu und fragte mich, ob ich Deutsch spreche und kurz helfen könnte, die Tischdecken und Stühle festzuhalten. Etwas verdutzt schauend half ich natürlich. Der Helikopter kam im Tiefflug an. Der durch die Rotoren erzeugte Wind war extrem stark. Kleinere Steine flogen durch die Luft und ich musste aufpassen, dass ich keine davon ins Auge bekam. Es ging alles gut, der Heli konnte sicher landen. Dann sah ich auch den Grund: Ein Läufer humpelte gestützt und geschient in Richtung Hubschrauber. Er hatte sich den Fuß gebrochen, was bei diesen Streckenverhältnissen mit zunehmend nachlassender Kraft und Konzentration schnell passiert ist.

Nach fünf Minuten war der Heli wieder weg und ich konnte weitergehen. Der Hüttenwirt bedankte sich bei mir und lies mich wieder von dannen. Alle Tischdecken und Stühle sowie die freiwilligen Helfer hatten die Hilfsaktion überstanden. Ein Nachteil hatte die kurze Pause allerdings – all die Läufer, die ich zum Teil zuvor überholt hatte, hatte ich nun wieder vor mir und das verzögerte meinen weiteren Abstieg in Richtung Schynige Platte.

Am Laucherhorn – zwischen Faulhorn und Schynige Platte

Jeder hat beim Berglauf so seine Stärken und Schwächen, ich kann allerdings nicht verstehen, wie man sich zu so einem Lauf anmelden kann, wenn man Angst vor Abstiegen hat und sich mehr oder weniger auf allen Vieren fortbewegt. Das geht mir nicht in den Kopf. Aber gut, nach gefühlten zehn Minuten ergab sich eine Gelegenheit die vor mir schleichenden und fast kriechenden Läufer zu überholen. Ich konnte mein eigenes Tempo wieder aufnehmen.

Das Wetter war sehr wechselhaft, mal warm, mal kalt, mal stark windig, mal klarster Himmel und dann wieder starke Bewölkung und das alles innerhalb kurzer Zeitabstände. Entlang der Schynige Platte war es sehr unwegsam. Im Wechsel mit steil bergabfallenden Serpentinen ging das alles sehr auf die Knochen und auf die Konzentration. Das strengte mich fast noch mehr an als das eigentliche Laufen, zumal der Tag inzwischen auch doch schon sehr lange war.

Immer wieder wechselte ich meinen Laufschritt in flotte Geheinheiten, um die Beine nicht zu sehr zu belasten und den Kopf ein wenig zu entspannen. In einer Serpentinenpassage sprach mich ein Franzose in sehr gutem Deutsch an. Er wollte wissen, was dies für ein Lauf sei und wie lange wir unterwegs sind. Ich gab bereitwillig Auskunft, was ihn in großes Staunen versetzte.

Kilometer 29 hatte ich erreicht. Eine Getränkestation war am Wegesrand aufgebaut. Ich hatte enormen Durst und großen Hunger, da ich bisher außer zwei kleineren Stücke eines Fitnessriegel nichts zu essen hatte. Hier gab es allerdings nur Wasser. Vier Becher sollten reichen, die mich zwar erfrischten, aber meinen Hunger nicht stillten. Auch die vorbeikommenden Wanderer genossen die Gelegenheit zur Erfrischung.

Bis zur nächsten Station waren es von hier aus nur noch sechs Kilometer. Inzwischen hatte ich meine Laufjacke wieder im Laufrucksack verstaut, da es doch recht warm geworden war. Dieser Abschnitt war sehr von Wanderern frequentiert, die immer wieder nur zögerlich die Strecke freimachten. Entweder waren sie fasziniert von uns Läufern oder irritiert von der Schnelligkeit, so dass ein schnelle Reaktion ihrerseits gar nicht möglich war. Ich kann nicht sagen, was in den Köpfen der Leute so vorging, nur so viel, dass es für mich ein Stopp und Go-Laufen war.

Traumhafte Aussichten begleiteten mich auf dem gesamten Trail – hier im Vordergrund der Eiger

Dann sah ich die Verpflegungsstation Schynige Platte. Es führte ein direkter Wanderweg dorthin.

Mich irritierte nur, dass keiner der vor mir Laufenden sich auf diesem Weg befand. Dann war alles klar. Je näher ich mich dem Wanderweg näherte, desto mehr konnte ich erkennen, wie ein kleiner Trampelpfad leicht rechts davon den Berg hinaufführte. Schon wieder ein Anstieg! Diesmal allerdings ohne Steine und Wurzeln, sondern als sehr steiler Treppenaufstieg. Vor mir stand eine Stahltreppe, eingebettet von Tannen, die links und rechts den Aufstieg säumten. Zum Glück gab es eine Kette, an der ich mich „hochziehen“ konnte. Oben angekommen begrüßte mich erneut ein Sanitäter. Ich sagte zu ihm, dass heute auch nichts ausgespart wurde auf dieser wunderbaren Strecke. Er lachte nur. Nach ein paar netten Worten führte mich der Weg in einem großen Bogen zur Verpflegungsstation bei Kilometer 35 an der Schynige Platte.

Inzwischen war ich bereits über sieben Stunden auf dem Trail unterwegs und ich merkte, dass ich müde war. Ich setzte mich erst einmal, nahm ein wenig Bergkäse und Melone sowie warme Bouillon zu mir. Ich saß nicht lange, da wurde ich auch schon angesprochen. „Willst du eine Massage für die Beine?“. Was für ein Luxus mitten auf der Strecke. Direkt neben der Verpflegungsstation standen drei Massage-Liegen, alle waren belegt. Ich lehnte dankend ab und machte mich auf den Weg. Es waren nur noch 16 Kilometer, die vor mir lagen. Diese sollte ich auch ohne Massage noch schaffen.

So, wie ich das Profil im Kopf hatte, sollte es bis Burglauenen bei Kilometer 44 nur noch bergab gehen. Die Wege waren nun wieder breiter und glichen eher einem befahrbaren Forstweg. Ich genoss es und konnte nun meine Stärken im Bergablaufen ausspielen. Im ordentlichen Tempo flog ich gefühlt den Berg hinunter. Doch dieser angenehme Weg war schnell zu Ende. Nach einer kleinen Straßenquerung hieß es eine Bergwiese nach unten zu laufen. Die hatte es wieder in sich, da sie zahlreiche ausgewaschene Rinnen aufzuweisen hatte. Kurzerhand begab ich mich neben den Weg und versuchte schnell den Hang nach unten zu kommen.

Zügig hatte ich 400 Höhenmeter hinter mir gelassen, dann wurde es so richtig hart. Es wartete ein Waldstück auf mich, das in Steilheit und Wegebeschaffenheit eigentlich nicht fürs Laufen geeignet war. Eine Wurzel an der anderen, ein Stein an dem anderen, der Pfad so breit wie zwei Füße nebeneinander und gleichzeitig so steil, dass man Angst bekommen könnte. Alle paar Meter begegnete uns ein Schild mit der Aufschrift „Gefahr – Danger!“ – das sagt ja alles.

So etwas hatte ich bisher noch nie gesehen und forderte nochmal alles. Erneut waren wir im Entenmarsch unterwegs, dieses Mal allerdings bergab.
Diese Passage, die nach gefühlten zwei Kilometer wieder besser wurde, kostete sehr viel Zeit und es kam noch besser. Denn plötzlich lag vor uns ein erneuter Anstieg. „Nicht schon wieder bergauf, ich dachte es geht nur bergab“, aber nein, jeder Hügel musste mit und dieser hier war mit dem Aufstieg zum Faulhorn vergleichbar. Zwar nicht so lange, aber genauso steil.

Auch das hatten wir schließlich alle im Entenmarsch geschafft und es fand sein Ende. Oben angekommen genoss ich erst einmal einen Wasserstrahl aus einem Schlauch, der über einem Holzstapel hing. Nach der Abkühlung konnte ich dann wieder Gas geben. Erst Wiese, dann eine Forststraße, die in einen Teerweg mündete. Auf den letzten dreieinhalb Kilometer hatte ich zügig rund 500 Höhenmeter verloren. Ich hatte nur die Hoffnung, dass ich durch dieses enorme Bergablaufen keine Krämpfe bekomme. Aber alles ging gut und ich erreichte den letzten Verpflegungsposten vor dem Ziel bei Kilometer 44 in Burglauenen.
Hier wurde alles geboten, was das Herz begehrt. Ich machte mich über die Melone und die Cola her. Die 101-Kilometer-Läufer hatten hier die Möglichkeit eine warme Mahlzeit einzunehmen. Für sie gab es unter anderem Nudeln und Kartoffeln.

Unsere Wege trennten sich hier. Die Langstreckler liefen von hier aus Richtung Wengen weiter und mein Weg führte direkt nach Grindelwald zurück. Die großen Herausforderungen lagen hinter mir. So konnte ich nun zum gemütlicheren Teil übergehen und den Weg entlang des Bachlaufes nach Grindelwald genießen.

Nach rund dreißig Minuten sah ich die Männlichenbahn. Jetzt wusste ich, es ist nicht mehr weit. Ich kam am Campingplatz vorbei, an dem mein Zelt stand – wie schön wäre es gewesen direkt hier abzubiegen! Ein paar Campinggäste standen am Straßenrand und feuerten mich an. Das beflügelte mich noch einmal.

Die letzten zwei Kilometer waren dann pure Vorfreude auf das Ziel. Es ging am Bahnhof vorbei und dann stand da erneut ein Fotograf – breit grinsend und jubelnd. Zu meiner großen Freude und Überraschung war es Beate, die hier auf mich wartete und in Empfang nahm.
Durch das Live-Tracking, zu dem ich mich angemeldet hatte, konnte sie jederzeit genau verfolgen, wo ich gerade war. Das war super. Gemeinsam liefen wir den Berg hinauf, natürlich im Gehschritt und ich erzählte ihr die ersten Highlights des Tages.

Nach 200 Metern trennten sich erneut unsere Wege. Der Veranstalter hatte sich noch eine schöne Schleife für den letzten Kilometer ausgedacht. Beate ging direkten Weges Richtung Zielgelände und ich bog rechts weg. Eine große Schleife führte mich zum letzten Anstieg. Wie ich den so sah, dachte ich mir „das darf doch nicht wahr sein“: Knackige 200 Meter lang führte der Weg direkt auf die Hauptverkehrsstraße von Grindelwald.

Nach 9.47 Stunden und 51 harten Kilometern glücklich im Ziel

Eine kleine Dusche, die ein Privatmann aufgestellt hatte, brachte noch einmal eine willkommene Abkühlung, ehe ich die letzten Meter Richtung Ziel in Angriff nahm.
Ich genoss den Lauf entlang der Straße. Im Zickzack schlängelte ich mich durch die vielen Grindelwald-Besucher und zahlreichen Finisher, die mir zuriefen und gratulierten. Am Sportzentrum angekommen bog ich in den Zielkanal ein. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Ich jubelte vor Glück und sah das Banner mit der Aufschrift „Welcome Finisher“.
Ich war da – ich hatte es geschafft. Am Ende der Holzbrücke stand dann auch Beate und jubelte mir zu. Mit gestreckten Armen lief ich die Rampe herunter durch den Zielbogen des Eiger Ultra Trails.

Überglücklich und müde nahm ich stolz die Medaille und das Finisher-Shirt entgegen und bedankte mich für diesen tollen Lauf. Es war einfach nur großartig diesen Lauf in einer faszinierenden und wunderschönen Berglandschaft miterlebt zu haben.

Wie in der Ausschreibung beschreiben, wird der E 51 absolut zu Recht als Panorama Trail bezeichnet. Die Trails nach Oberläger via First und Bachalpsee, der rundum Blick vom Gipfel des Faulhorn auf 2.681 Meter oder die Tief- und Weitblick auf dem Weg zur Schynige Platte werden mir unvergesslich bleiben.

Es war eine tolle Herausforderung und die anspruchsvollste in der Gesamtheit, die ich bisher gemacht hatte. Keep on Running!

Autor: Ulf Schmidt

 

 

 

 

 

 

 

 

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