Das Glück der Unerreichbarkeit

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Immer erreichbar sein – wann, für wenn und warum muss man das eigentlich?

„Das Glück der Unerreichbarkeit“ war der Titel eines Buches von Prof. Dr. Miriam Meckel, geschrieben zu einer Zeit, als die Smartphones gerade erst zu ihrem Siegeszug starteten, es noch keine Tablets gab, das gute alte Blackberry aber bereits viele scheinbar besonders wichtige Menschen im Businesskontext „in Geiselhaft“ genommen hatte. Die Botschaft war klar: Wer sich ins Hamsterrad der ständigen Erreichbarkeit begibt, hat verloren.

Der Schlüssel zu mehr Lebensqualität – so das Buch, ist daher die Kunst der Unerreichbarkeit. Einige Jahre später ist das Thema des Buches aus meiner Sicht aktueller denn je. Wir sind mittlerweile alle beruflich wie privat ständig erreichbar. Aus dem Managerproblem früherer Tage ist mittlerweile ein Massenphänomen geworden. Ich möchte mich in meinem Blogbeitrag auf die Erreichbarkeitsfalle im beruflichen Kontext konzentrieren. Dabei geht es mir nicht um Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier oder Jens Uwe Weidmann, die von Berufswegen leider ständig erreichbar sein müssen. Mir geht es auch nicht um Menschen, die im Bereitschaftsdienst arbeiten, wie zum Beispiel Ärzte, Polizisten oder Menschen bei der Feuerwehr und im Rettungsdienst. Ich fokussiere mich auf den typischen Büromenschen aus dem Blickwinkel eines Regionalbankers.

Bin ich unersetzbar?
Wann, warum und für wen muss ich eigentlich erreichbar sein? Wer denkt, dass er immer und ständig für jeden erreichbar sein muss, hält sich wahrscheinlich für unersetzbar – und hat damit ein Problem. Und wenn jemand tatsächlich unersetzbar wäre, hätte auch das Unternehmen, für das er arbeitet, ein Problem.
Grundsätzlich muss jeder Mitarbeiter seine Erreichbarkeit seinen Aufgaben entsprechend regeln. Dabei kann man sich selbstverständlich bei Bedarf vertreten lassen. Die Kunst liegt darin, delegieren zu können und Prioritäten zu setzen und nicht zu glauben, man könne immer und ständig alles vollständig selbst erledigen.

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Nach zehn Stunden konzentrierter Arbeit bekommt man ohnehin nichts Vernünftiges mehr zustande

Ist diese Frage geklärt und die eigene Bedeutung relativiert, ist der nächste Schritt, sich im Klaren darüber zu werden, dass spätestens nach zehn Stunden konzentrierter Arbeit Schluss sein sollte. Wer glaubt denn ernsthaft, dass nach zehn Stunden noch Spitzenleistungen entstehen können und wenn ja, zu welchem Preis? Was ich nach zehn Stunden nicht erreicht habe, werde ich in den folgenden Stunden bestenfalls mehr schlecht als recht erledigen. Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen beruflich der „Baum brennt“ und eine Nachtschicht eingelegt werden muss, weil das Geschäft boomt oder ein Projekt in der Endphase steht. Kommt dies aber regelmäßig vor, stimmt etwas nicht, in der persönlichen Arbeitsorganisation oder in dem Unternehmen, für das ich tätig bin.

Warum muss ich nach einem harten Arbeitstag noch erreichbar sein?
Machen wir einmal folgende Rechnung auf: Sie starten morgens um 8.15 Uhr und arbeiten, unterbrochen von einer Stunde Pause, zehn Stunden intensiv. Dann würden Sie das Büro gegen 19.15 Uhr verlassen. Es liegt also ein anstrengender Arbeitstag hinter Ihnen. Warum sollten Sie jetzt noch weiter arbeiten? Müssen die Dinge, die Sie meinen noch unbedingt zu erledigen, denn wirklich unbedingt erledigt werden? Was passiert, wenn dies nicht geschieht? Kommt ein Mensch zu Schaden? Muss Ihr Unternehmen Insolvenz anmelden? Werden Sie entlassen? In dem Zusammenhang ein Tipp: Wenn Sie merken, dass Sie eine Terminrestriktion nicht einhalten können, informieren Sie rechtzeitig Ihre Auftraggeber. Geschieht dies frühzeitig und die Gründe sind nachvollziehbar, ist dies in der Regel kein Drama. Erfolgt dies kurzfristig oder man versucht die Sache auszusitzen, ist der Ärger hingegen vorprogrammiert.

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Warum und zu welchem Preis sollten Sie zuhause noch für Ihr Unternehmen erreichbar sein?

Angenommen, Sie haben alles erledigt, was zu erledigen war, ein harter Arbeitstag liegt hinter Ihnen und Sie fahren nach Hause, wo bereits Ihre Partnerin beziehungsweise Ihr Partner und gegebenenfalls Ihre Kinder auf Sie warten. Warum, für wen und zu welchem Preis sollten Sie jetzt noch für Ihr Unternehmen erreichbar sein, unabhängig davon, ob dies per Mail oder Anruf oder Info auf der Mailbox erfolgt? Was kann denn wirklich so wichtig sein, dass es lohnt, sich beim gemeinsamen Abendessen, der Freizeitgestaltung oder dem Zubettgehen der Kinder stören zu lassen? Ich persönlich bedauere jeden, dem jetzt viele Beispiele als Rechtfertigung einfallen.

Im Urlaub bleibt das Diensthandy zu Hause
Als ich vor einigen Jahren Personalleiter unserer Bank wurde, habe ich in den darauffolgenden zwei Urlauben mein Blackberry mitgenommen. Ein Riesenfehler – denn selbstverständlich habe ich jeden Tag meinen E-Mail-Account „gecheckt“. Neben vielen belanglosen E-Mails gab es immer einige, die mich gedanklich beschäftigt haben. So ist ein richtiges Abschalten im Urlaub natürlich nicht möglich. Seit mein Blackberry im Urlaub zu Hause bleibt, bin ich wesentlich entspannter. Der Schlüssel für diese Entspanntheit liegt im Vertrauen an die Fähigkeit der daheim gebliebenen Mitarbeiter und die eigene Fähigkeit, delegieren zu können. Wer das nicht kann, der muss erreichbar sein und am Ende alles selber machen.

Niemand muss ständig erreichbar sein
Wer noch nicht weggeklickt hat und für einen internationalen Konzern tätig ist, der wird jetzt vielleicht denken: Der hat gut reden. Zugegeben, sind die Rahmenbedingungen für das Glück der Unerreichbarkeit in einem Unternehmen, indem rund um den Globus 24 Stunden lang gearbeitet wird, ungleich schwerer als in einem regional tätigen Unternehmen wie unserer Bank. Aber kein Unternehmen kann von seinen Mitarbeitern erwarten, ständig erreichbar zu sein. Wenn dies von Ihnen verlangt wird, liegt es an Ihnen zu handeln, bevor Sie verbrennen.

Ich bin jedenfalls sehr froh, für die Volksbank Freiburg zu arbeiten. Bei uns wird von keinem Mitarbeiter verlangt, ständig erreichbar zu sein – auch nicht am Wochenende und schon gar nicht im Urlaub. Keine Sorge, auch wir können hart arbeiten – entscheidend ist aber, dass wir dies erfolgreich und mit Sinn und Verstand tun. Auch von mir, in meiner Funktion als Personalleiter, wird nicht erwartet, dass ich am Feierabend oder am Wochenende erreichbar bin, meine Mails checke und für Antworten parat stehe. Ein Workaholic würde jetzt sagen: „Da würde ich mir aber einmal Gedanken machen“. Mache ich aber nicht. Was in jedem Job zählt, sind die Arbeitsergebnisse, die Sinnstiftung und die Zufriedenheit. Dafür muss man auch mal länger oder am Wochenende arbeiten. Was aber bestimmt nicht erforderlich ist, ist ständig erreichbar zu sein.

Autor: Jens Hupperich

Ein Gedanke zu „Das Glück der Unerreichbarkeit

  1. Guten Morgen, Herr Hupperich!

    Wie immer, super lesbar.
    Interessanter Beitrag und ich teile Ihre Meinung.

    Bis heute Abend, falls Sie auch bei der Aus-Zeit mit dabei sind, sonst ein schönes privates Wochenende.

    MfG
    Susanne Mentz

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