Buen Camino! 1.269.934 Schritte – von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela (Teil 3)

Etappe 20 Villares de Órbigo – El Ganso (28 km)

Dieses Angebot lässt Pilgerherzen höher schlagen

Nach einem ganz wunderbaren Frühstück ging’s los: Um 7.45 Uhr waren wir auf dem Weg. Heute hat zwar die Sonne geschienen, aber es ging ein unglaublich starker Wind. Der machte das Laufen sehr anstrengend. Wir hatten den Wind nämlich nicht im Rücken, sondern gegen uns. Nach ein paar Kilometern kamen wir an eine kleine Oase. Ein Spanier hatte hier seinen Lebensmittelpunkt eingerichtet und bot an einem Stand frisches Obst, Säfte, Wasser, Tee, Kaffee, Suppe und vieles mehr an. Auch wollte er kein Geld. Nachdem er sich von seinem früheren Leben komplett distanziert hat, sieht er heute seine Lebensaufgabe darin, vorbeikommende Pilger zu versorgen.

Feldwege ziehen sich durch eine hügelige Landschaft und Eichenwälder wechseln sich mit Getreidefeldern ab. Am steinernen Wegkreuz von Santo Foribio angekommen, können wir am Horizont schon die Silhouette von Astorga sehen.

Gerne hätten wir einen Blick in den Palast geworfen

In Astorga steht ein prächtiger Bischofspalast, der nach den Plänen von Antonio Gaudí entstanden ist. Heute ist der Palast ein Museum. Das „Museo de los Caminos“. Astorga ist eine wichtige Pilgerstation. Hier treffen der Camino Francés und die von Sevilla kommende Via de la Plata zusammen. Zudem war Astorga im 18. und 19. Jahrhundert das Zentrum der spanischen Schokoladenindustrie.

Die letzten zehn Kilometer waren durch den starken Gegenwind und die Eintönigkeit des Weges eine Qual. In meinem Kopf rief ständig jemand: „Taxi“. Nach insgesamt 7,5 Stunden sind wir endlich in El Ganso angekommen. Die Herberge war wirklich nett. Allerdings wackelten die Doppelstockbetten schon bei der kleinsten Bewegung. Die Dusche – eine mittlere Katastrophe. Aber was soll’s. Augen zu und durch. Ich wollte nicht schon wieder stinkend in den Schlafsack.

Etappe 21 El Ganso – El Acebo (26 km)
Heute bin ich mit gemischten Gefühlen losgelaufen. Denn ich wusste nur, dass uns der Aufstieg zum Cruz de Ferro erwartet, und eigentlich hatte ich die Nase voll vom bergauf laufen. Könnten die Steine sprechen, sie hätten viel zu erzählen. Die erste Strecke nach Rabanal war einfach und angenehm zu gehen. In Rabanal gab’s den obligatorischen Kaffee und frisch gepressten Orangensaft, bevor es dann ernst wurde mit dem Aufstieg zum Puerto de Foncebadón – früher auch Monte Irago genannt. Abseits der Landstraße ging es auf Pfaden nach oben. Der Weg war hin und wieder mit größeren Matschlöchern übersät, was das Laufen zwar nicht leichter, dafür aber umso kurzweiliger machte. Insgesamt war es eine wunderschöne Strecke. Die Belohnung für den Aufstieg in die Montes de León sind tolle Ausblicke. Gingster und Heidekraut setzten schöne Farbkontraste am Wegesrand.

Nach einem kleinen Mittagessen in dem halb verlassenen Ort Foncebadón setzten wir den Aufstieg zum Cruz de Ferro fort. Auf dem Höhenkamm boten sich wunderbare Blicke auf die Montes de León.

Das Cruz de Ferro – für die einen Kult oder spirituelle Stätte, für andere ein Steinhaufen mit Holzpfosten und Eisenkreuz. Ein schlichter und gleichzeitig sehr spezieller Ort. Hier legen Pilger schon seit Jahrhunderten einen von zu Hause mitgebrachten Stein ab – das symbolische Ablegen einer Seelenlast. Ich habe keinen Stein abgelegt. Erstens habe ich meinen Stein zu Hause vergessen und zweitens passiert nichts ohne Grund. Die Erkenntnis am Kreuz und damit des Tages: Ich bin ein sehr glücklicher Mensch, der ein wunderbares Leben führen darf.

Das Etappenziel vor Augen

Nach dem Cruz de Ferro wanderten wir auf einem angenehm zu gehenden Pfad leicht bergab. Es boten sich immer wieder tolle Ausblicke in die Berge des Sierra Teleno. Auf dem Weg nach El Acebo kommt man an dem verfallenen Manjarin vorbei. Es gibt nur noch ein bewohnbares Haus – die Pilgerherberge. Laut Reiseführer ist der Hospitalero Tomás unter Pilgern sehr bekannt. Er sieht sich in der Tradition der Tempelritter und lebt auch dementsprechend mit allem was dazugehört. Wir gingen weiter und mussten erst mal wieder bergauf, ehe mit Ausblicken in das Tal des Rio Sil der Abstieg begann. Das letzte Stück nach El Acebo fällt sehr steil und steinig ab. Eine Qual für Füße und Knie.

Bei Ankunft in der Herberge waren die Qualen der letzten zehn Kilometer schnell vergessen. Das war eine Pilgerherberge de Lux. Es blieben wirklich keine Wünsche offen – ein Traum. Zum ersten Mal kam so etwas wie Urlaubsstimmung bei mir auf. Ich saß auf der Terrasse und streckte meine Nase in die Sonne. So kann man einen anstrengenden Tag ausklingen lassen.

Etappe 22 El Acebo – Camponaraya (27 km)
Und weiter ging’s mit dem Abstieg durch eine wunderschöne Landschaft. Leider schien mir irgendetwas auf den Darm geschlagen zu haben, sodass ich ständig auf der Suche nach einer Toilette war (… und es gab nicht viele unterwegs). Zwischenzeitlich haben

Unwegsam ging’s weiter

Sabrina und ich einen echt guten Rhythmus gefunden: sieben bis acht Kilometer laufen, Kaffeepause eins, sieben bis acht Kilometer laufen, Mittagessen, sieben bis acht Kilometer laufen, Kaffeepause zwei, vier bis sechs Kilometer laufen, Endspurt. Das Wetter war heute sehr durchwachsen. Sonnenschein, Regen, bewölkt, schwül. Die Region El Bierzo ist eine sehr grüne Gegend, in der es sehr viele lang gestreckte Ortschaften gibt.

In der Albergue Nayara hatten wir reserviert. Allerdings war die Wegbeschreibung im Reiseführer etwas irreführend, sodass wir erst daran vorbei gelaufen sind. Bei strömendem Regen und Magen-Darm-Problemen ist es nicht gerade angenehm, wenn man nach einiger Zeit merkt, irgendetwas kann hier nicht stimmen, wir müssen zurück. Wir haben uns in der Herberge ein Vier-Bett-Zimmer mit zwei Österreicherinnen geteilt. Das war sehr angenehm. Eine ruhige Nacht lag vor uns, was gut ist, da morgen die Strecke nach Trabadelo führt. Entweder über den Berg (Camino Duro – der harte Weg) oder an der Straße entlang. Erkenntnis des Tages: Hin und wieder muss man im Leben einfach die Pobacken zusammenkneifen und durch.

Etappe 23 Camponaraya – Trabadelo (24 km)
Na prima … heute Morgen bin ich mit einem dicken rechten Fuß aufgewacht. Jetzt habe ich den linken Fuß endlich im Griff, dann meldet sich der Rechte – ganz toll. Womit habe ich

Eine Erinnerung an das Ziel der Reise

das eigentlich verdient? Ich wälze mich im Selbstmitleid und hadere mit der Situation. Für einen kurzen Moment tut das auch echt gut – aber es hilft halt nicht und führt auch nicht zum Ziel – hey, ich glaube, das ist eine gute Erkenntnis des Tages.

Nach dem Ortsausgang von Camponaraya ging es leicht bergan durch Weinberge und Wälder. Wir wollten in Pieros unseren Kaffee und O-Saft trinken. Der Ort davor – Cacabelos – war sehr schön. Kleine Gassen, unzählige Bars und Restaurants. In Pieros angekommen … kein Restaurant, kein Kaffee. Also machten wir mal wieder Pause in einer Bushaltestelle – diese sind in Spanien oftmals überdacht, was auch gut war, denn es fing prompt an zu regnen.

In Villafranca del Bierzo mussten wir uns entscheiden: der harte Weg oder der neben der Straße. Für mich war klar, mit meinen Füßen geht nur der Weg neben der Straße. Sabrina entschied sich aufgrund ihrer Knieprobleme ebenfalls für die einfachere

Vorischt Autofahrer, Pilger unterwegs

Variante. Nach

Ankunft in der Albergue Crispeta stand fest, ich brauche eine zweite Bandage. Also Apotheke und Lebensmittelladen suchen. Zum Abendessen gab es Spargelcremesuppe aus der Tüte, Schinken und Brot – einfach aber lecker.

Etappe 24 Trabadelo – O Cebreiro (20 km)
Die Nacht war nicht leicht. Zum einen tat der rechte Fuß bei jeder Drehung weh und zum  anderen lag eine Frau im Doppelstockbett unter mir, die sehr krank war. Sie hustete und röchelte die ganze Nacht – bitte lieber Gott, lass die Viren und Bazillen nicht zu mir kommen. Nach dem Frühstück, mit frisch bandagierten und getapten Füßen und Schmerzmittel intus, ging’s los. Leider stand nach den ersten sieben Kilometern fest – mit laufen wird es heute nichts werden. Also habe ich ein Taxi bestellt – 35 Euro bezahlt … grrrr … und bin die letzten Kilometer nach O Cebreiro gefahren. Die Betten in den privaten Herbergen waren schon alle belegt, sodass wir nicht reservieren konnten und hoffen mussten, in der öffentlichen Herberge ein Bett zu bekommen. 106 Schlafplätze, eng an eng. Ich habe mich in die Schlange der Pilger eingereiht und zwei Stunden mit Warten verbracht. Während ich so wartete, hatte ich mal wieder genügend Zeit, mich zu fragen, warum ich eigentlich so mit körperlichen Schmerzen geplagt werde.

In O Cebreiro scheint die Zeit stehen geblieben zu sein

O Cebreiro ist ein schönes denkmalgeschütztes kleines Dorf – ein Museumsdorf. Das Dorf ist eines der ältesten Pilgerrefugien am Jakobsweg. Im Reiseführer stand, dass das Heiligtum Santa Maria la Real im 9. Jahrhundert erbaut wurde und die älteste erhaltene Kirche am Weg ist. Die für die Region typischen Pallozas  sind keltischen Ursprungs: Diese gedrungenen Steinhäuser mit ihrem ovalen Grundriss und ihren tief heruntergezogenen Strohdächern waren bis in die 60er Jahre bewohnt. Heute sind es Museen.

Der Pfarrer von O Cebreiro – Elias Valina – ist der „Vater“ des modernen Jakobsweges und des gelben Pfeils. Er war es, der Mitte der 80er Jahre erstmals den Weg mit gelben Pfeilen von Frankreich bis nach Santiago de Compostela markierte. Die gelben Pfeile sind bis heute Wegweiser und Markenzeichen des Camino de Santiago – ein Hoch auf den Reiseführer, der immer wieder interessante Informationen lieferte. Erkenntnis des Tages: ständig nach dem „warum“ zu fragen bringt nicht weiter. Akzeptieren was ist und das Beste daraus machen.

Etappe 25 O Cebreiro – A Balsa (26 km)
Die heutige Etappe war ganz wunderbar. Nachdem wir die Pässe O Cebreiro, San Roque und Alto do Poio überwunden hatten, wurden wir mit einem wunderschönen

Ein Wanderweg, wie er schöner nicht sein könnte

Panoramaweg belohnt. Mit den Bandagen und den Schmerztabletten haben die Füße heute durchgehalten. Kurz hinter Triacastela gabelte sich der Weg. Wir haben uns für die Strecke über San Xil entschieden und sind nach A Balsa gelaufen. Hier hatten wir zwei Betten in der Albergue ecologico El Beso. Diese ökologische Herberge ist schwer zu beschreiben. Die traditionellen Häuser wurden auf traditionelle Art und Weise restauriert. Das vegetarische Abendessen stammt aus eigenem Anbau und überhaupt hat hier alles den Anspruch ökologisch korrekt zu sein. Wir sollten auch auf unsere eigenen Duschgels verzichten und stattdessen die aus eigener Produktion stammende Seife verwenden – haben wir natürlich gemacht. Insgesamt gibt es hier 12 Betten in einem Raum. Mit uns war noch eine Gruppe da. Fünf lustige Gesellen (vier Männer und eine Frau), die sich auch erst

Ökologisch korrekt wohnen und essen

auf dem Weg kennengelernt hatten. Heute habe ich zum ersten Mal nicht an meine Füße gedacht. An diesem Abend haben wir viel gelacht und hatten echt Spaß. Im Bett neben mir lag einer aus der Gruppe – völlig erkältet – hoffentlich zieht auch dieser Kelch an mir vorbei. Erkenntnis des Tages: So muss sich wohl laufen für die Seele anfühlen.

Etappe 26 A Balsa – Molino de Marzán (26 km)
Was hat es heute geregnet … Bindfäden – ohne Unterbrechung. Alles war nass und klamm. Nach der Frühstückspause wieder in die kalten und feuchten Jacken zu steigen war nicht angenehm. Der Wirt hatte in einem kleinen Nebenraum – in dem wir unsere nassen Sachen stellen und hängen konnten – den Kaminofen angemacht, sodass wir uns vor dem Weiterlaufen erstmal aufwärmen konnten.

Die Landschaft war sehr ländlich. Kleine Dörfer, Weiden und Wälder. Typisch für Galicien sind die großen Steinplatten zur Überquerung von Bächen (Pasadoiros). Auch Hohlwege zwischen Steinmauern (Corredoiras) und lange, auf Stelzen stehende Kornspeicher (Hórreos) sind oft zu sehen.

Der Weg nach Marzán führte durch Sarria. Ab jetzt wurde es ernst, die letzten 100 Kilometer lagen vor uns. Jeder gelaufene Kilometer zählte und wir brauchten mindestens zwei Stempel aus unterschiedlichen Orten pro Tag in unserem Pilgerbuch.

Die Casa Albergue Molino de Marzán

Für diese Nacht hatten wir zwei Betten in einer umgebauten alten Mühle. Sehr gepflegt, sehr schön, sehr kalt. Unser Plan war eigentlich, die Tütentomatensuppe zu kochen, die wir noch übrig hatten. Aber leider gab es – anders als im Reiseführer beschrieben – keine Kochgelegenheit. So aß jeder drei Kekse und vier Stück Schokolade. Da die Herberge mitten in der Pampa lag, konnten wir auch nirgendwohin zum Essen. So sind wir nach unserem reichhaltigen Mahl ins Bett gegangen. Es war eh viel zu kalt und nass, um etwas anderes zu machen. Erkenntnis des Tages: mmmh …

Etappe 27 Molino de Marzán – Ventas de Narón (29 km)
Die letzte Nacht war schrecklich. Jetzt hat mich doch noch eine Erkältung angeflogen. Mist … Ohrenschmerzen, Halsschmerzen und einen dicken Kopf, na prima. Ganz toll … Zum Glück war meine Reiseapotheke bestens ausgestattet, sodass ich für gefühlt jedes Zipperlein etwas dabei hatte. Aber das wollte jetzt auch nicht helfen. Ich hatte einfach keine Lust aufzustehen und zu laufen. Essen konnte ich auch nichts. Der Tag war bis zur letzten Pause vor unserem Etappenziel der reinste Horror. Die Tränen flossen. Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer. Danke Sabrina, dass du mich ertragen hast.

Bis Portomarin war die Landschaft sehr ländlich. Jenseits des Rio Mino war bereits

Ohne den Pilgerausweis gibt es  kein Bett in einer der vielen Herbergen am Weg und keine Compostela

Portomarin zu erkennen. Hier haben wir erst mal Mittagpause gemacht. Irgendwie habe ich die 29 Kilometer bis zum Etappenziel dann doch geschafft. Diese Unterkunft (Casa Molar) war etwas Besonderes für uns. Hier hatten wir die Gelegenheit, endlich mal wieder unsere Kleidung zu waschen. Was habe ich mich darauf gefreut. Noch nie haben meine Klamotten so gestunken. Da ich alles in der Wäsche hatte, blieb mir nichts Anderes übrig, als in meiner langen schwarzen Unterziehleggins und meinem Schlafshirt zum Abendessen zu gehen. Zu Hause käme mir das nie in den Sinn, aber hier ist es mir völlig schnuppe. Zur Vorspeise gab es heute eine Art Nudelsuppe. Sehr lecker, sehr warm, Balsam für die Seele. Danach bin ich postwendend ins Bett, in der Hoffnung auf Besserung. Erkenntnis des Tages: Beim Kaffee am Nachmittag konnte ich schon wieder lachen. Schokolade und Eis machen halt doch glücklich.

Etappe 28 Ventas de Narón – Mélide (27 km)
Die letzte Nacht war echt heftig. Husten, frieren, schwitzen, Halsschmerzen, Fieber … Der einzige Lichtblick: frisch gewaschene und duftende Kleidung am nächsten Morgen. Ein Teil von mir wollte schon

Die zahlreichen Pfeile und Muscheln am Weg machten ein Verlaufen fast unmöglich

wieder ein Taxi rufen und sich dann für den zweiten Teil der Etappe mit Sabrina zum Mittagessen treffen. Aber das ließ mein Gewissen nicht zu. Ich hörte es ständig im Ohr: „Fahren ist keine Option!“

Zum Glück war das Wetter wieder etwas besser. Es war zwar bewölkt, aber trocken. Es lief besser als erwartet – wenn man bedenkt, wie ich mich am Morgen gefühlt hatte. Wegen des vielen Regens der vergangenen Tage gab es einige Passagen, wo wir knöcheltief im Matsch steckten. In Palas de Rei hatten wir ein sehr schmackhaftes Mittagessen. Ich hatte Pulpo nach Art des Hauses – göttlich.

Wir hatten Betten in Mélide reserviert. Unsere Unterkunft – Albergue O Cruceiro – war ein altes Stadthaus, mit Aufzug, Gott sei Dank. Wir haben das Zimmer mit einem amerikanischen Ehepaar geteilt, die in Sarria losgelaufen sind. Beide waren sehr nett, allerdings hat sie ohne Punkt und Komma geredet und er hat ohne Ende geschnarcht.

Etappe 29 Mélide – Salceda (28 km)
Sabrina und ich haben uns für diese Etappe sehr viel Zeit gelassen und sind erst gegen 18 Uhr in der Albergue de Boni angekommen. Die beiden Amerikaner vom Vortag waren auch schon da und lagen ausgerechnet in unserem Zimmer. Der Herbergsvater war ein seltsamer Kauz. Er war sehr bemüht, es jedem Recht zu machen. Vor allem den

Der Weg führte nun immer öfter durch schöne Eukalyptuswälder

weiblichen Gästen … Leider musste ich heute kalt duschen. Das warme Wasser war schon aufgebraucht. Nach dem Abendessen bin ich direkt ins Bett. Meine Erkältung machte mir sehr zu schaffen. Heftige Klopfgeräusche rissen mich aus dem Schlaf.

Eine Dänin hatte sich in der Toilette eingeschlossen. Die Tür wollte partout nicht mehr aufgehen. So viele Menschen haben an der Tür gezogen und gedrückt, aber sie bewegte sich keinen Millimeter. Die Dänin hat schon geweint, aus lauter Sorge auf der Toilette übernachten zu müssen. Der Amerikaner hat es dann nach knapp 30 Minuten endlich geschafft und das Mädel befreit. Die Nachtruhe konnte also weitergehen … dachte ich … Aber da hatte ich die Rechnung ohne den schnarchenden Amerikaner gemacht. Der war so laut, der hat geschnarcht, als ob sein Leben davon abhängt, dass ich mir echt überlegt habe, ihm etwas an den Kopf zu werfen. Da die Betten am Boden festgeschraubt waren, konnte man auch nicht daran rütteln. Erkenntnis des Tages: Alles was wir essen, müssen wir nicht tragen.

Etappe 30 Salceda – Vilamaior (18 km)
Um 5.20 Uhr heute Morgen ging es los. Bis auf die zwei Amerikaner, die zwei Däninnen und wir, waren bereits alle auf den Füßen und abmarschbereit. Verrückt! Wir haben nochmal eine Stunde geschlafen, bevor wir uns nach einem „leckeren“ Frühstück – altes trockenes

Es wurde langsam wieder städtisch

Brot, Schinken, Käse, Kaffee und Marmelade – auf den Weg gemacht haben. Die Tour neigt sich definitiv dem Ende zu und das ist auch gut so. Ich freue mich auf Santiago und den Flug nach Hause.

Die Strecke heute war wirklich sehr schön. Viel Wald, aber geprägt durch ein stetiges bergauf und bergab … äh ich vergaß, es waren keine Berge, nur Hügel. Die Sonne hat geschienen, es war richtig heiß. Bei uns ist die Luft raus. Nach der Mittagspause wollte das Etappenziel einfach nicht um die Ecke biegen. Immer wieder fragten wir uns: „Kannst du schon was sehen?“ Wir schleppten uns förmlich zu unserer Unterkunft. Wir hatten ein Doppelzimmer in einem kleinen Hotel gebucht. Wie wunderbar! Richtige Betten mit Bettwäsche, richtige Handtücher und eine saubere Dusche. Diese Investition hatte sich wirklich gelohnt. So ließ sich die letzte Nacht vor Santiago entspannt genießen. Erkenntnis des Tages: Nach dem Hügel ist vor dem Hügel.

Etappe 31 Salceda – Santiago de Compostela (9 km)
Die letzte Etappe! Wir haben uns heute Morgen sehr früh wecken lassen. Bereits kurz nach halb sieben waren wir auf dem Weg. Außer uns, keiner unterwegs. Wo sind die denn alle? Etwa schon dort? Sind wir wieder die Letzten?

Die letzten neun Kilometer bis nach Santiago waren landschaftlich unspektakulär. Über eine lichte Hochebene ging es vorbei an Sendestationen ins Einzugsgebiet von Santiago. Vom Monte do Gozo ging’s hinunter und über die Umgehungsstraße, die Autobahn und die

Kurz vor dem Ziel – bald ist es geschafft

Bahngleise nach Stantiago. Kurz nach Ortseingang haben wir in einem kleinen Café gefrühstückt. Toast, Kaffee und Orangensaft – unser Camino Klassiker. Auf dem Weg zur Kathedrale haben wir unsere Rucksäcke im Hotel abgestellt, sodass wir uns ohne Gepäck auf den Weg machen konnten.

Um 12 Uhr war Pilgermesse und die wollten wir um keinen Preis verpassen. Um einen Platz zu erhalten, muss man schon sehr früh dort sein. Um 11 Uhr saßen wir auf unseren Plätzen in einer völlig überfüllten und eiskalten Kathedrale und warteten eine Stunde, bis es endlich losging. Das Warten hat sich gelohnt. Da die Messe in spanischer Sprache gehalten wurde, haben wir zwar nichts verstanden, aber die Atmosphäre hatte schon was. Die Nonne, die für den Gesang zuständig war, hat alle in ihren Bann gezogen. Mit einer engelsgleichen Stimme hat sie die Herzen der

Endlich am Ziel – die Kathedrale von Santiago

Menschen berührt. Die Kathedrale ist wirklich sehr schön. Der berühmte Weihrauchkessel (Botafumeiro) ist sehr imposant (160 cm hoch, befüllt 100 Kilo schwer). Wir hatten Glück – er kam sogar zum Einsatz.

Nach der Messe sind wir gemütlich durch die Stadt Richtung Pilgerbüro geschlendert. Es waren unglaublich viele Menschen in dieser Stadt. Jeder zweite ein Pilger. Aber auch sonst waren viele Touristen hier. Dementsprechend gab es auch unzählige Nippes-Läden mit mehr oder weniger kitschigen Souvenirs.

Nach einer Stunde Anstehen für die Compostela hatten wir’s dann endgültig geschafft. Die Pilgerreise war beendet. Ein komisches Gefühl. So von jetzt auf gleich alles vorbei und

Zu guter Letzt gab es noch eine Compostela als Erinnerung …

beendet. Zu wissen, dass sich am nächsten Tag die Wege wieder trennen und man zurück in den Alltag fliegt … seltsam.

Meine Erkältung machte mir immer noch das Leben schwer. Je später der Tag, umso schlimmer wurde es. Es war mir überhaupt nicht danach, groß auf Tour zu gehen. Das hatte ich mir schon anders vorgestellt und tat mir für Sabrina auch wirklich leid.

So lag ich wieder früh im Bett. Schlafen konnte ich nicht. Als am nächsten Morgen der Wecker klingelte, fühlte ich mich wie durch den Fleischwolf gedreht. Sabrina ist mit aufgestanden und wir haben noch zusammen gefrühstückt, bevor das Taxi kam und wir uns verabschieden mussten.

Ich war wieder auf dem Weg …diesmal nach Hause.

Autor: Elke Hambrecht

Alle Beiträge zu meinem Weg im Überblick:

Buen Camino (Teil 1)
Buen Camino (Teil 2)
Buen Camino (Teil 3)

Und hier noch ein paar Impressionen der letzten Etappen:

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