Buen Camino! 1.269.934 Schritte – von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela (Teil 1)

Als ich mir die Strecke auf der Karte angeschaut habe, kamen leichte Zweifel auf

Der Jakobsweg ist einer der ältesten Pilgerwege Europas. Unzählige Menschen machen sich jedes Jahr auf den Weg nach Santiago de Compostela, so auch ich. Fünf Wochen hatte ich mir für die Strecke von Saint Jean Pied de Port nach Santiago eingeplant. 31 Etappen und etwas Luft für Unvorhergesehenes.

Na dann… auf ins Abenteuer, das ich ganz alleine starte!

Schon ein komisches Gefühl, wenn man morgens aufwacht und weiß, jetzt geht es wirklich los. Die lieben Menschen um mich herum wünschten mir viel Glück, Spaß und keine Blasen. Respekt war von vielen zu hören. 800 Kilometer alleine, zu Fuß… „Warum machst Du das“, bin ich immer wieder gefragt worden. „Musst Du Dich selbst finden“, war eine andere Frage. Im Grunde genommen wollte ich den Camino von dem Zeitpunkt an laufen, als ich vor vielen Jahren das Buch von Hape Kerkeling gelesen hatte – Klischee erfüllt, ich weiß. Aber so ist es tatsächlich. Nur, dass ich diesen Wunsch komplett aus den Augen verloren hatte, bis mir im Herbst 2015 der Jakobsweg immer wieder „zufällig“ über den Weg gelaufen ist. Also dachte ich mir, Zufälle gibt es keine, wenn nicht jetzt, wann dann. Die Entscheidung war getroffen. Ich glaube, ein stückweit wollte ich mir selbst und dem ein oder anderen Zweifler beweisen, dass ich das schaffe und durchhalte.

Wertvolle Tipps aus dem Internet machten das Rucksack packen leichter

Na ja, jedenfalls saß ich Ende April 2016 mit einem acht Kilo schweren Rucksack, einer Tasche voller Essen, vieler guter Wünsche und einem pochenden Herzen im TGV nach Saint Jean Pied de Port. Die nächsten fünf Wochen standen unter dem Motto: Ich gönne mich mir selbst. Ich suche nichts, bin aber sehr gespannt und offen dafür, was ich finden werde!

An unzähligen blühenden Rapsfeldern vorbei flog der TGV nur so nach Bordeaux. Die ersten Pilger sind in Sicht. O.K., spätestens jetzt weiß ich, dass ich definitiv nicht alleine sein werde… Im Zug nach Saint Jean waren dann nur noch Pilger unterwegs. Überall standen vollbepackte bunte Rucksäcke, saßen und standen Menschen eng gedrängt im Wanderoutfit. Neben mir saßen eine Kanadierin, eine Amerikanerin und ein Schweizer. Wie sich herausstellte, läuft der Schweizer den Camino schon zum vierten Mal. Dementsprechend war er sehr großzügig mit Ratschlägen. Es sollte ein längerer Monolog und die Begutachtung meiner Schuhe folgen… puh… wer mich kennt weiß, wie sehr ich ungefragte Ratschläge mag!

Und plötzlich steht man am Bahnhof und weiß, jetzt geht’s definitiv los

Als ich in Saint Jean aus dem Zug steige, rennen die meisten Pilger auch schon los. Wohin wollen die denn alle? Es ist schließlich kurz vor 19 Uhr. Wie sich herausstellte, hatten viele kein Bett reserviert und waren deshalb auf dem Weg ins Pilgerbüro, um sich den ersten Stempel für das „Pilger-Logbuch“ – dem Credencial del Peregrino – zu holen und damit die Legitimation, in den örtlichen Pilgerherben übernachten zu dürfen. Ich hatte meine Credencial bereits im Vorfeld – völlig stressfrei – im Internet beim Freundeskreis der Jakobuspilger Paderborn angefordert, sodass ich mich ganz entspannt auf den Weg zu meiner Unterkunft machen konnte. Zum Glück hatte ich schon vor ein paar Monaten ein Einzelzimmer in einem kleinen Hotel gebucht. Auf dem Weg zum Hotel habe ich zwei deutsche Frauen kennengelernt. Die eine hatte ein Burnout und ihr Arzt wollte sie in Reha schicken. Das wollte sie nicht und deshalb läuft sie den Camino. Die andere wollte es ihrem Bruder gleich tun, der den Camino ein paar Jahre zuvor gelaufen war. Die Amerikanerin aus dem Zug läuft den Camino in Gedenken an ihren verstorbenen Mann. Unglaublich, was man so von fremden Menschen erfährt – ohne zu fragen. Der Camino scheint wohl die Redseligkeit zu beflügeln. Zum Glück hat mich niemand gefragt, warum ich den Camino laufe.

Nachdem ich mich in meinem gemütlichen Hotelzimmer häuslich eingerichtet hatte, stand ich am Fenster und beobachtete die vorbeiziehenden Pilger auf der Suche nach einer Unterkunft. In Saint Jean regnete es zwischenzeitlich, was der Himmel so hergab. „Schauen wir mal wie es morgen aussieht“, dachte ich mir, „vielleicht hat der liebe Gott ja Nachsicht mit uns Pilgern.“

 

Etappe 1 Saint Jean Pied de Port – Roncesvalles (26 km)

Nach einem ganz wunderbaren Frühstück im Hotel ging es endlich los. Voller Energie und

Der Aufstieg wollte kein Ende nehmen und der viele Matsch machte das Laufen nicht einfacher

Tatendrang stürmte ich dem sehr steilen – so der Reiseführer – Anstieg nach Orrison entgegen. Aus dem „stürmen“ wurde ganz schnell ein schleichen. Dieser Anstieg hatte die Beschreibung „sehr steil“ wirklich verdient. 700 Höhenmeter verteilt auf sieben Kilometer. Mutig wie ich war – man könnte es auch naiv nennen – hatte ich mich für die schönere, längere und auch anstrengendere Strecke – die Route Napoléon – entschieden. Mit meinen achteinhalb Kilo und zwei Litern Wasser im Rucksack war ich nun auf dem Weg.

Das anfänglich schöne Wetter änderte sich mit jedem Höhenmeter. Es wurde kälter und kälter. Schnee war auf den Gipfeln der Berge zu sehen, der Weg wurde matschiger und unwegsamer. Es ging ein frostiger Wind, der die Temperatur gefühlt noch weiter sinken ließ. Nach jeder Kurve dachte – oder vielmehr hoffte ich – jetzt bin ich oben, bis ich sah… nein es geht weiter bergauf. Wie die Ziegen stiegen die Pilger den Weg hoch. Eine Steigung nach der anderen, eine steiler als die, die man gerade gegangen war.

So anstrengend das alles war, boten sich doch immer wieder schöne Ausblicke in Täler und auf die umliegenden Berge. So ließ ich mir auch reichlich Zeit, um das alles zu genießen. Die Uhrzeit hatte ich eh völlig aus den Augen verloren. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich endlich am Col de Lepoeder (1437 m), der höchsten Stelle der Etappe, an. Wohlgemerkt, ich bin bei 190 Höhenmeter gestartet – für mich persönlich eine Höchstleistung. Nun wartete ein sehr steiler und steiniger Abstieg auf mich. Durch den Schnee war der Weg nicht wirklich zu erkennen und so ging es in kleinsten Schritten den Berg wieder hinunter.

Ich war so müde und kaputt, hauptsache ein Bett und wenn es im Schlafcontainer steht

Nach zwölf Stunden Fußmarsch kam ich endlich am Ziel in Roncesvalles – völlig fertig, mit schmerzenden Füßen und Beinen, aber überglücklich – an. Das erste was ich sah war die Schweizer Zugbekanntschaft, der mir auch gleich erzählte, dass es keine Betten mehr geben würde. Das kann doch nicht sein, dachte ich, schließlich bietet die Herberge Platz für 380 Pilger. Ich ließ ihn reden und bin zur Anmeldung in die Herberge gegangen. Wie sich herausstellte, hatte er nicht ganz Unrecht. Ich bekam nur noch ein Bett in einem Container – war mir aber völlig egal, Hauptsache ich konnte mich irgendwo im Trockenen hinlegen. Wer in einem der umliegenden Restaurants noch etwas essen wollte, musste sich dafür anmelden. Allerdings waren so viele Pilger unterwegs, dass keine Anmeldungen mehr entgegen genommen wurden. Somit hatte sich das Abendessen für mich erledigt. Machte aber nichts, denn ich war eh viel zu müde zum Essen.

Etappe 2 Roncesvalles – Zubiri (25 km)

Nach der Bergetappe gestern bin ich heute tatsächlich ohne Muskelkater aufgewacht – ich fasse es nicht. Da ich ohne Frühstück los gelaufen bin, habe ich das im nächsten Ort erst mal nachgeholt. In einem kleinen Laden habe ich mich mit Proviant für den Tag und das Frühstück eingedeckt. Frisches Baguette, Käse und Serrano-Schinken. Eine Tasse Kaffee noch und

Die zweite Etappe zeigte sich von ihrer schönsten Seite

dann ging’s wirklich los. Das Wetter zeigte sich von seiner schönsten Seite und der Weg schlängelte sich durch die wunderbare Landschaft. Ich „pilgerte“ so vor mich hin, bis ich irgendwann auf zwei deutsche Frauen – Sabrina und Anja – traf. Wir sind ins Gespräch gekommen und haben beschlossen, gemeinsam nach Zubiri, dem Etappenziel für heute, zu laufen. Eine Reservierung hatten wir nicht, was sich noch als Katastrophe erweisen sollte. An diesem Tag waren mindesten 350 Pilger unterwegs und alle wollten in Zubiri übernachten… wir eigentlich auch. Aber es war nichts zu machen, es war kein einziges Bett mehr in Zubiri zu bekommen – auch nicht auf dem Boden der Turnhalle. Also was tun? Wir haben in allen Orten bis Pamplona telefonisch nach Betten gesucht aber es war aussichtslos. Zwischenzeitlich hatten sich noch drei weitere Deutsche, Astrid, Larissa und Rudi zu uns gesellt – auch auf Bettensuche. In Pamplona haben wir dann endlich Platz für uns sechs gefunden. Da keiner mehr in der Lage war, weitere 25 Kilometer zu laufen, haben wir ein Taxi gerufen und sind nach Pamplona gefahren. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Erkenntnis des Tages: In der Ruhe liegt die Kraft. Gelassenheit, Gelassenheit und nochmal Gelassenheit. Pilgern 4.0 -> Gottvertrauen ist zwar gut, wenn es aber um’s Bett geht, ist reservieren besser.

Etappe 3 Pamplona – Obanos (21 km)

Nach einem gemeinsamen Frühstück haben wir fünf Frauen uns auf den Weg gemacht. Rudi hatte sich schon früher verabschiedet und war alleine weitergezogen. Der Weg durch Pamplona war gut gekennzeichnet. Eine Zeit lang ging es neben der Landstraße nach Cizur Menor. Da Astrid aufgrund von Fußproblemen nur sehr langsam vorangekommen ist, sind Sabrina, Anja und ich alleine gegangen. Larissa und Astrid wollten wir in der Herberge in Obanos wieder treffen.

Die riesigen in voller Blüte stehenden Rapsfelder sorgten für eine angenehme Atmosphäre auf dem Weg

Die Strecke von Pamplona nach Obanos ist landschaftlich wunderschön. Vorbei an unzähligen Raps- und Getreidefeldern ging es – schon wieder – bergauf, dem Alto del Perdón entgegen. Allerdings war der Aufstieg weniger steil und unangenehm, als es den Anschein hatte. Ende der 90er haben Navarras Jakobswegfreunde eine Pilgerkarawanenskulptur auf dem Alto des Perdón errichtet. Der Wind auf dem Berg war unglaublich stark, sodass wir die Zeit und den Ausblick von dort oben nicht wirklich genießen konnten. Da wundert es nicht, dass auf dem Berg ein riesiger Windpark steht. Von der Anhöhe führte ein zunächst sehr steiniger und steiler Pfad abwärts, der dann zu einem angenehmen Wanderweg wurde und via Uterga und Muruzábal nach Obanos führte.

Völlig kaputt und mit schmerzenden Beinen, Waden und Füßen – ich konnte nicht mehr lokalisieren, wo der Schmerz eigentlich herkam, kamen wir in der Albergue Usda an. 30 Betten in einem Raum. Natursteinboden, eiskalt. Eine Dusche. Ich will nicht meckern,

Dieser kilometerlange steinige Abstieg ging in die Beine

immerhin hatten Anja, Sabrina und ich ein Bett. In den Gliedern steckte noch die erste Etappe, so dass ich heute nur noch eine heiße Dusche und schlafen wollte. Mehr ging wirklich nicht mehr.

Wir hatten zum Glück noch Proviant dabei, sodass wir eine Kleinigkeit essen konnten. Großen Hunger hatte ich nicht, dafür war ich viel zu k.o. Bereits am Ende des dritten Tages stellte ich mir die Frage, wie ich um Himmels Willen die knapp 800 Kilometer überhaupt schaffen wollte. Ich hatte ja gelesen, dass man die ersten zehn Tage für den Körper läuft, das heißt Blasen und Schmerzen ertragen, bis er sich an die Dauerbelastung gewöhnt hat…puh, das kann ja die nächsten sieben Tage heiter werden. Erkenntnis des Tages: gehe langsam und wenn du langsam gehst, gehe noch langsamer.

Etappe 4 Obanos – Villatuerta (23 km)

6.30 Uhr, der Vibrationsalarm meiner Uhr reiste mich jäh aus meinen Träumen. Oh je, was tun mir die Beine weh. Aber es half nichts, weiter ging’s. Nach einem kurzen Stehfrühstück vor der Herberge machten Sabrina und ich uns auf den Weg. Anja war schon lange vor uns losgegangen. Sabrina und ich beschlossen, weiterhin zusammen zu laufen. Die Chemie passte und beim Laufen hatten wir ein ähnliches Tempo.

Das Schnarchkonzert in der Nacht war ohrenbetäubend

Vom heutigen Ziel „Villatuerta“ trennten uns 23 Kilometer. In Puente de la Reina haben wir einen Kaffee getrunken und Proviant für den Tag besorgt. Über die berühmte Brücke ging es weiter Richtung Villatuerta, vorbei an Getreidefeldern und Weinbergen.

In der Unterkunft – Casa Mágica – angekommen, war erstmal duschen angesagt. Ein kleines Abenteuer in dem gemischten Badezimmer. Alles ist eng und nass. Ein Bett gab’s in einem Elf-Bett-Zimmer. Das Positive, es waren keine Doppelstockbetten. Wieder zeigte sich, dass es gut war vorab zu reservieren. Einige Pilger die mit uns bzw. nach uns eingetroffen sind, wurden abgewiesen. Was ist hier bloß für ein Betrieb. Zum Abendessen gab es ein Drei-Gänge-Pilgermenü. Wir saßen an einem Tisch mit drei weiteren Deutschen – Pit, Kalle und Alex. Es wurde ein lustiger Abend bei Rotwein und leckerem Essen. Erkenntnis des Tages: eine warme Dusche macht vieles wieder gut. Sonnencreme und Wasser sind wertvolle Begleiter.

Etappe 5 Villatuera – Los Arcos (29 km)

Heute war ein Tag, ich weiß nicht, wie ich den beschreiben soll.

Die Qualen konnten wir uns nicht mehr „schön-trinken“. Es gab nur noch Wasser

Jeder Meter war eine Qual. Schmerzen in den Fußgelenken und ein nicht enden wollender Weg. Sabrina und ich hatten zwar für heute ein Bett reserviert, das wurde allerdings nur bis 16 Uhr freigehalten. Heute hatten wir also Zeitdruck. Der erste Teil dieser Etappe führte am ehemaligen Klosterweingut Bodegas Irache de Vino vorbei. Dort gibt es einen Brunnen mit zwei Hähnen. Aus dem einen kommt Wasser und aus dem anderen Rotwein. Als wir vorbei kamen, war der Weinvorrat leider schon verbraucht – schade. Oder vielleicht auch besser so. Die Zeit wurde knapp und die Schmerzen immer stärker. Deshalb habe ich irgendwann den Turbo eingelegt, fast so, als wollte ich dem Schmerz davon laufen. Sabrina blieb bei ihrem Tempo, so  dass ich alleine unterwegs war. Die Strecke war wirklich sehr schön und zum ersten Mal auch sehr einsam – lag daran, dass wir spät dran waren.

Den Weg vor Augen und kein Etappenziel in Sicht

 

Nun muss man wissen, dass die öffentlichen Herbergen in der Regel um zwölf Uhr öffnen und Reservierungen nehmen die keine entgegen. Wenn man ein Bett möchte, ist es ratsam, auch um zwölf Uhr dort zu sein. Sonst geht man unter Umständen leer aus – das ist nicht lustig. Das führte dazu, dass wir nach der Mittagspause in der Regel alleine unterwegs waren. Wir hatten ja reserviert und konnten damit entspannt unterwegs sein – bis auf heute eben. Nach jeder Kurve die Hoffnung, jetzt müsste doch endlich Los Arcos kommen. Den Tränen nahe, stellte ich mir immer wieder die Frage: „Warum machst du das nochmal? Wie viele Tage braucht der Körper um sich an die Strapazen zu gewöhnen? Vielleicht kann die Stimme in meinem Kopf endlich mal die Klappe halten?“

Punkt 16 Uhr bin ich in der Albergue Austria angekommen und damit waren unsere Betten safe. Ich konnte mich kaum mehr bewegen, meine Füße sahen aus… Und wieder sehnte ich mich nur noch nach duschen, essen und schlafen. Erkenntnis des Tages: immer nach vorne schauen. Wenn kein Bus kommt, dann muss man halt laufen.

Etappe 6 Los Arcos – Viana (19 km)

Motivieren konnten mich diese Kilometerangaben nicht

Wie beschreibt man Verzweiflung? Vielleicht so: man steht morgens am Waschbecken und heult! Was für ein bescheidener Tagesanfang. Da hilft auch nicht die Aussicht auf ein Frühstück mit selbst gebackenem Brot und Schokocreme. Die Nacht haben wir im Zehn-Bett-Zimmer – in dem es durch die Körpergerüche der einzelnen Pilger gestunken hatte wir im Affenhaus – verbracht. Das Schlafen war durch die Schmerzen im Bein, die stickige Luft und den Geräuschpegel echt mühsam. An ein Weiterlaufen war definitiv nicht zu denken. Mein Fuß war viel zu dick. Er passte nur mit Mühe in den Schuh. Also nahm ich den Bus nach Viana und kümmerte mich um unsere Betten. Sabrina wollte ich dann später dort treffen.

Nachdem ich circa eine Stunde frierend an der Bushaltestelle Richtung Viana gewartet hatte, ging die Warterei in Viana gleich weiter. Die Albergue Izar machte erst um zwölf Uhr auf. Da wir telefonisch am Vortag niemanden erreicht haben, hatten wir keine Reservierung. Allerdings sollte das kein Problem werden, da ich ja bereits um 9.30 Uhr vor der Türe stand. Es war bitter kalt und hat geregnet. Da kommen einem zweieinhalb Stunden Wartezeit – auf dem Rucksack sitzend – vor wie eine Ewigkeit.

Ich blieb nicht lange alleine in der Unterkunft. Der Schlafsaal füllte sich schnell

Der Bauarbeiter von gegenüber konnte wohl mein Elend nicht ertragen und versuchte mir mit Händen, Füßen und auf Spanisch klar zu machen, dass ich doch klingeln sollte. Er hatte nicht mitbekommen, dass ich das bereits erfolglos versucht hatte.

Punkt zwölf Uhr war es soweit, die Tür öffnete sich und ich konnte zwei Betten klar machen. Während ich auf Sabrina wartete, habe ich die Waschmaschine und den Wäschetrockner genutzt und unsere Wäsche gewaschen und mein Bein geschont.

Hier lernten wir einen netten älteren französischen Herrn kennen, der schon seit Marseille unterwegs ist. Er war also schon mehr als 800 km zu Fuß unterwegs – Respekt! Ihm sollten wir immer wieder auf dem Weg nach Santiago begegnen. Erkenntnis des Tages: Busfahren macht Spaß und ist keine Schande. Man trifft viele bekannte Gesichter.

Etappe 7 Viana – Navarete (26 km)

Heute ging das Geraschel bereits kurz vor sechs Uhr los. Die älteren Pilger sind wohl

Die Verbandstüte war gut gefüllt und täglich in Gebrauch

Nachtwanderer. Als Sabrina und ich um sieben Uhr beim Frühstück saßen, waren wir nahezu alleine. Nachdem wir unsere Beine und Füße bandagiert und mit Tape versorgt hatten – ist zwischenzeitlich zum morgendlichen Ritual geworden – ging’s los.

Durch das Regenwetter kamen heute unsere Ponchos zum Einsatz. In meinem roten Wunderwerk sah ich aus wie das Männlein im Walde und mit diesem Signalrot hätte man mich auch im dicksten Nebel gesehen.

Eine wunderbare Strecke heute, recht flach und nur wenige kleinere An- und Abstiege. Der Weg führte durch Schrebergärten und Kieferwälder nach Logrono, der Hauptstadt der Weinregion La Rioja. Dort haben wir in einer Tapasbar zu Mittag gegessen – sehr lecker, bevor der Weg weiterführte zum Naherholungsgebiet La Grajera.

Durch die von Weinbergen und roter Erde bestimmten Rioja Baja gelangten wir nach Navarrete. Wie die letzten Tage auch, zogen sich die letzten sechs bis sieben Kilometer unendlich in die Länge. Unter dem Poncho war es heiß wie in einer Sauna. Warum müssen spanische Dörfer eigentlich am Berg gebaut sein? Was für eine Freude, wenn die Kirchturmspitze und die ersten Dächer des Etappenzieles zu sehen sind… und wo ist eigentlich meine Zahnbürste?

Etappe 8 Navarete – Azofra (27 km)

Habe meine Zahnbürste wieder gefunden – Gott sei Dank. Ich freue mich über die Selbstverständlichkeit, Zähne putzen zu können. Ein Tag zum Heulen. Das Bein wird immer dicker und schmerzt ganz fürchterlich. Ob das jemals besser wird? Die Strecke an sich war gut zu laufen, keine größeren Schwierigkeiten.

Wenigstens haben wir etwas Tageslicht im Zimmer

Da es in Azofra nur eine öffentliche Herberge gibt, war reservieren nicht möglich. Wir hatten Glück und haben in einem zweiten Gebäude noch ein Bett bekommen. Sehr einfach aber sauber. Gemeinschaftsduschen, keine Möglichkeiten zum Abschließen, auch nicht die Toiletten. Hier haben wir Astrid und Larissa wieder getroffen. Sie haben erzählt, dass sie gesundheits- und zeitbedingt einige Strecken mit dem Bus gefahren sind. Sie haben nur drei Wochen für die gesamte Strecke Zeit und da sie unbedingt bis nach Santiago wollen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als hin und wieder zu fahren.

Etappe 9 Azofra – Granón (23 km)

Wer sagt denn eigentlich, dass es eine Schande ist, die eine oder andere Etappe mit dem Bus zu fahren? Sind wir es nicht selbst, die diesen sehr hohen Anspruch haben? Da ich definitiv nicht in der Lage war zu Laufen, Abbrechen keine Option war und leider kein Bus gefahren ist, habe ich ein Taxi gerufen. Für „günstige“ 35€ bin ich nach Granón gefahren. Wir hatten zwei Betten in einer privaten Herberge reserviert.

In der Kirche gab’s noch ein Plätzchen für uns

So saß ich seit zehn Uhr vor der kirchlichen Herberge in Granón in einem Café in der Sonne

und betrachtete das Pilgertreiben um mich herum. Da gab es Pilger, die machten den Eindruck, als seien sie erst seit 30 Minuten unterwegs und nicht schon seit zig Kilometern. Andere stürmten vorbei, ohne den Blick zu heben. Andere machten den Eindruck, sie seien auf der Flucht. Wie soll man auf dieser „Pilgerautobahn“ denn nun zur Ruhe kommen?

Punkt zwölf Uhr machte die Herberge auf und ich konnte zwei Betten aussuchen. Die Herberge ist sehr originell gestaltet und eingerichtet. So muss es wohl in den 70er Jahren in den Hippie-Kommunen ausgesehen haben.

In der Herberge wollte ich meinen Fuß kühlen. Als ich den Schuh ausgezogen hatte, bekam ich das ganze Elend zu Gesicht. Mein Knöchel war ein einziger Klumpen, Blasen an den Versen und ein absterbender Zehennagel… na prima. Wo sind meine schönen gesunden Füße geblieben? Der Herbergsvater meinte, ich sollte mit diesem Fuß besser nicht weiterlaufen, sondern pausieren und zum Arzt gehen. Bevor ich vielleicht ganz abbrechen muss. Bei dem Blick auf meine Füße durchaus eine Überlegung wert.

Die Betten waren schnell gemacht – Matte auf den Boden, Schlafsack drauf

Nachdem Sabrina in der Herberge angekommen war, wollten wir unsere Betten beziehen. Dabei haben wir Bettwanzen gefunden, sodass wir aus der Herberge wieder ausgezogen sind und unser Glück in der kirchlichen Herberge Hospital de Peregrinos San Juan Bautista versucht haben. Da im Kirchturm kein Platz mehr war, wurden wir in die Kapelle ausgelagert. So haben wir die Nacht auf Sportmatten am Boden neben dem Altar verbracht – dankbar, überhaupt eine Schlafmöglichkeit erhalten zu haben. Aber ganz ehrlich, in dieser Nacht habe ich mich sehr nach meinem Bett zu Hause gesehnt. Erkenntnis des Tages: 12.30 Uhr -> habe noch keine gefunden. 14.45 Uhr -> man kann nichts erzwingen. Vernünftig sein ist keine Schande, Abbrechen keine Alternative.

In meinem nächsten Blogbeitrag berichte ich, wie es mir weiter ergangen ist.

 Autor: Elke Hambrecht

Hier noch einige Impressionen von den ersten Etappen:

Ein Gedanke zu „Buen Camino! 1.269.934 Schritte – von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela (Teil 1)

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