Alle Beiträge von Jens Mutter

Zum Shoppen in die Stadt? Oder doch lieber auf die Couch?

Die Freiburger Innenstadt ist eigentlich immer belebt

Seitdem ich Anfang der 90er Jahre als Student nach Freiburg gezogen bin, hat mich schon immer fasziniert, wie voll die Innenstadt ist. Egal, ob es Sommer oder Winter, ob kalt oder warm, ob Mittag oder Abend. Man schwimmt quasi immer in einer Menschenmenge. Die Einzelhandelsgeschäfte sind gut gefüllt. In den meisten Cafés findet man nur mit Glück auf Anhieb einen Platz. Gleichwohl befürchten laut Südbadischem Handelsverband aktuell 30 Prozent der Händler Umsatzrückgänge.

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Das Quartier

Das badische Dreielei überzeugt mit krossen Brägele und einer schönen Präsentation

Seit wenigen Wochen hat in den Räumlichkeiten des ehemaligen „Auerhahns“ im Stühlinger „Das Quartier“ eröffnet. Der Name ist Programm, die Gaststätte ist eine gelungene Quartierskneipe und hat die Chance das neue Wohnzimmer des Stadtteils zu werden.

Die Räumlichkeiten wurden umfassend renoviert und überzeugen mit einem gelungenen Industriecharme. Highlights des Inventars sind die Lampen und die grün geflieste Theke.
Das Angebot entspricht dem, was man von einer gemütlichen Beiz erwarten kann. Der Inhaber pflegt zudem sein Steckenpferd und bietet eine interessante Auswahl an Whiskeys an.

Geschmackstest

Mittags gibt es drei verschiedene Gerichte zur Auswahl.
Das Badische Dreierlei überzeugt durch krosse Brägele und ein schmackhaftes Dressing. Die optische Präsentation ist gelungen und wird unterstützt durch Peperoni, geschmorte Kirschtomaten, Kresse und rote Zwiebeln.

Der Pfannkuchen mit Spinat und Schafskäse ist von sehr guter Qualität, Spinat und Schafskäse sind würzig abgeschmeckt.

Der Salat mit Ei, Kochschinken und Käse kommt mit ganzen Kochschinkenscheiben. Das Ei wird separat serviert. Der Salat wird liebevoll unterstützt durch Trauben und karamellisierte Walnüsse.

Ruck zuck oder Geruhsam?

Der Service ist aufmerksam und sehr freundlich. Sonderwünsche wurden berücksichtigt („Kann ich ein Badisches Zweierlei haben?“). Das Essen hat ein wenig gedauert, war aber trotz knapp bemessener Mittagspause im tolerierbaren Bereich. Espresso und Rechnung kamen zügig. Am Abend empfiehlt es sich zu reservieren.

Costa Quanta?

Badisches Dreierlei 9,20 Euro
Pfannkuchen mit Spinat und Schafskäse 7,60 Euro
Bunter Salat mit Ei, Kochschinken und Käse 7,20 Euro
Espresso EUR 1,60
Die Essenspreise sind angemessen und günstig. Kaffeegetränke sind im Vergleich zu anderen Gaststätten sehr günstig.

Fazit:

Das Quartier ist auf alle Fälle empfehlenswert und für das Stühlinger ein absoluter Gewinn.

Das Quartier
Egonstr. 48
79106 Freiburg
Tel. 0761 29082797

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag, 11  – 1 Uhr
Freitag: 11 – 2 Uhr
Samstag: 17 – 2 Uhr
Sonntag 17 – 0 Uhr
Kein Ruhetag

Paula Hawkins: Girl on the Train

Girl on the train war nach seinem Erscheinen in den USA und in England ein großer Erfolg und wurde vom deutschen Feuilleton deswegen sehr kritisch beäugt. „Retortenroman“ war noch eine der freundlicheren Bezeichnungen. Es mag sein, dass die Geschichte auf dem Reißbrett geplant und der Verkauf durch entsprechende Marketingmaßnahmen gepusht wurde. Der Spannung beim Lesen tut dies keinen Abbruch.

Das Leben der Hauptdarstellerin Rachel geht nach der Trennung von ihrem Mann stetig bergab. Ex-Mann Tom wohnt mit seiner zweiten Frau Anna in dem früheren gemeinsamen Haus. Gemeinsam haben sie mit Tochter Ivy das Kind, das sich Rachel sehnlichst gewünscht und trotz mehrerer Versuche nicht bekommen hat. Stattdessen hat Rachel mit dem  Trinken angefangen und ist dem Alkohol so verfallen, dass sie auch ihren Job verloren hat. Um die Fassade aufrecht zu erhalten, fährt sie weiterhin jeden Tag wie gewohnt mit dem Pendlerzug in die Londoner Innenstadt.

Der Zug hält täglich mehrere Minuten direkt neben ihrer alten Straße. Bei diesen Stops beobachtet sie jeden Tag das Paar Megan und Scott, die in direkter Nachbarschaft zu ihrem Ex-Mann wohnen. Die beiden scheinen das perfekte Paar zu sein. Rachel gibt den beiden Fantasienamen und denkt sich für sie das Leben aus, welches sie selbst gerne mit ihrem Ex-Mann geführt hätte. Diesen kann sie nicht loslassen und bedrängt ihn in Alkoholrausch mit Telefonaten, Mails und unerwünschten Besuchen.

Eines Morgens platzt die von ihr ersonnen Idylle, als sie vom Zug aus beobachtet, wie Megan im Garten einen fremden Mann küsst. Kurze Zeit später verschwindet Megan spurlos und wird später ermordet aufgefunden. Rachel teilt ihre Beobachtungen der Polizei mit, wird aber als unglaubwürdige Zeugin eingestuft. Zudem war sie am Tatabend selbst in der Straße, da sie ihren Ex-Mann mal wieder sturzbetrunken gestalked hat. Ihr fehlt aber jede Erinnerung, stattdessen ist sie am Morgen nach dem Mord blutend und mit Verletzungen in ihrem Bett aufgewacht …

„Girl on the train“ wird aus drei Perspektiven erzählt: Während Rachel versucht, ihre Erinnerungen zurückzubekommen, erhält man sukzessive Einblick in das Leben des Opfers Megan, das alles anderes als perfekt ist und die ein düsteres Geheimnis aus ihrer Vergangenheit mit sich trägt. Die dritte Sicht ist die von Toms neuer Frau Anna, die sich zunehmend von Rachel bedroht fühlt und zu Megan nachbarschaftliche Kontakte pflegt.

Die vierte „Hauptfigur“ ist die Vorstadt. Paula Hawkins wagt den Blick hinter die scheinbar perfekte Idylle der glücklichen Kleinfamilien, zeigt die Leere und Langeweile, die verkorksten Lebensläufe und den täglichen Betrug.

Dem Leser ist es leider nicht vergönnt, irgendeine der Hauptfiguren sympathisch zu finden. Im Verlauf der Geschichte wird jeder verdächtig und bleibt dies auch bis zum Schluss. Der Roman hält eine konstant hohe Spannung. Insbesondere Rachels voranschreitendes Abrutschen, das nicht zu stoppen zu sein scheint, geht einem nah.

Fazit: „Girl on the train“ ist spannend gemacht. Die Autorin hat solides Handwerk abgeliefert. Wer einen guten Krimi lesen möchte, macht nichts falsch.

josfritzcafé

Kürbis-Ingwer-Suppe – schmeckt und macht satt

Der positive Nebeneffekt der Schließung unseres Personalrestaurants ist, dass man auf der Jagd nach Essbarem in der Mittagspause immer wieder neue Entdeckungen macht – auch bei Altbekanntem. Das josfritzcafé ist eine Institution in Freiburg. Mit seinen Wurzeln in der Hausbesetzerszene ist das Café als Ort der gepflegten Subkultur bekannt. An den Abenden finden entspannte Partys, interessante Vernissagen und kleinere Jazzkonzerte statt.

Das Café besticht insbesondere durch seinen schönen Innenhof, der auch im Hochsommer immer ein schattiges Plätzchen bietet. Das „Jos“ (übrigens benannt nach einem Freiheitskämpfer aus dem 15. Jahrhundert, der in Lehen ansässig war) kannte ich noch aus meiner Studentenzeit, hatte es aber in der Zwischenzeit vergessen. Insofern war der Mittagstisch jetzt eine schöne Gelegenheit fürs Wiederentdecken.

Geschmackstest

Angeboten wird eine überschaubare Karte mit wenig Fleischanteil. Schon bei der Karte wird klar, dass man von Tiefkühlware und Friteusen-Gebruzzeltem verschont bleibt. Angeboten wird bei unserem Besuch Wirsing-Kartoffel-Eintopf (vegan oder mit geräucherter Wurst), Tortilla Chorizo, Kartoffel auf geschmorten Zucchini mit Gorgonzola gratiniert und Schnitzel Milano mit Tagliatelle und Tomatensauce. Wir entscheiden uns für zwei weitere Alternativen:  Gefüllte Zucchini mit Mangold-Möhren-Füllung mit geschmortem Dinkel und Kräuter-Falafel auf Curry-Apfel-Gemüse. Bei beidem ist noch Salat mit inbegriffen. Die Karte zeigt einen schönen Schwerpunkt auf saisonale Produkte.

Gut und günstig: Chili con Carne für 4,20 Euro

Beide Gerichte sehen ansprechend aus und schmecken frisch und lecker. Sowohl Zucchini wie Dinkel haben noch einen knackigen Biss und sind nicht zu weich. Der Falafel ist locker. Die Sauce des Gemüses hat eine schöne Sämigkeit. Beide Portionen sind ausreichend groß und machen satt. Bei einem Folgebesuch gab es Kürbis-Ingwer-Suppe und Chili con Carne für jeweils 4,20 Euro – beides ebenso schmackhaft wie die Gerichte des ersten Besuches.

Ruck zuck oder geruhsam?

Es ist Selbstbedienung. Man bestellt und bezahlt gleich und sucht sich dann mit Besteck und Getränk in der Hand einen Platz. Das Essen wird gebracht und kommt schnell. Je nachdem wie weit hinten im Garten man sitzt, muss sich die Bedienung erst mit dem Essen durchfragen, was gegebenenfalls für Verwirrung sorgen kann. Die Dame an der Kasse war nicht unfreundlich, aber recht rustikal in Ihrer Art.

Costa Quanta?

Die gefüllte Zucchini kostete 6,80 Euro, die Falafel 7,20 Euro, somit das übliche Preisniveau für einen Mittagstisch, für die angebotene Qualität günstig. Auch die Getränkepreise liegen  im normalen Rahmen.

Fazit:

Schöne Location, ein Stück Freiburger Geschichte, toller Garten, entspannte Atmosphäre, leckeres Essen. Auf alle Fälle eine empfehlenswerte Adresse, insbesondere bei schönem warmen Wetter. Ausprobieren.

Josfritzcafé
Wilhelmstraße 15/1
79098 Freiburg
Tel.: 0761 30019
Web: www.josfritzcafe.de

Öffnungszeiten:
Montag: 10 bis 2 Uhr
Dienstag, Mittwoch: 10 bis 24 Uhr
Donnerstag: 10 bis 2 Uhr
Freitag, Samstag: 10 bis 3 Uhr
Sonntag: 12 bis 22 Uhr

Peter Hoeg: Der Susan-Effekt

Peter Hoeg hatte in den 90er Jahren einen sensationellen Erfolgt mit seinem Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Seine nachfolgenden Romanen konnten an den großen Erfolg nicht anknüpfen (wobei insbesondere „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“ ebenfalls sehr zu empfehlen ist). Jetzt schickt er in seinem neuen Roman „Der Susan-Effekt“ eine weitere starke Frauenfigur in ein aberwitziges Abenteuer.

Susan ist Experimentalphysikerin und steht mit ihrer Familie am Anfang des Romans vor der Total-Katastrophe. Die Familie gerät auf einer Reise nach Indien komplett ins Chaos: Susan selbst wird wegen versuchten Mordes an ihrem Liebhaber verhaftet, ihr Mann Laban hat wegen einer Liaison mit der Tochter eines Maharadschas die südindische Mafia am Hals, die Tochter ist mit einem Priester durchgebrannt und der Sohn sitzt in Nepal wegen Antiquitätenschmuggels in Haft.

Der dänische Geheimdienst hilft aus diesen Schwierigkeiten, verlangt aber eine Gegenleistung. Susan und ihre Familie sollen die Teilnehmer und die Protokolle der „Zukunftskommission“ ausfindig machen. Diese tagte in den 70er Jahren und bestand aus Fachleuten aus verschiedenen Fachrichtungen, denen es gelungen ist, wesentlichen Ereignisse der Zukunft treffsicher hervorzusagen. Susan soll dabei ihre besondere Begabung einsetzen: Den „Susan-Effekt“, der dafür sorgt, dass alle Menschen in ihrer Gegenwart nach kurzer Zeit aufrichtig sind und ihre tiefsten Geheimnisse offenbaren. Die Suche beginnt und es folgt eine actionreiche Hetzjagd mit vielen Toten.

Peter Hoeg zeichnet Susan als Superweib, die über umfangreiche intellektuelle Fähigkeiten verfügt, gleichzeitig eine leidenschaftliche Liebhaberin und perfekte Hausfrau ist. Ihre Croissants backt sie nachts nach allen Regeln der Physik, die Lammfilets werden genau 25 ½ Sekunden gebraten, gleichzeitig doziert sie über physikalische Abhandlungen.

Ihr Leben lief nicht immer so perfekt: Der Vater verließ die Familie früh, im Internat wurde sie von einem Betreuer vergewaltigt. Trotz dieser Brüche führt sie die Familie durch eine abgedrehte, manchmal schon überfrachtete Story, die aber immer unterhaltend bleibt.

Hoeg bleibt seiner Linie aus den bisherigen Romanen treu und verquickt die Actionstory immer wieder mit wissenschaftlichen Inhalten und seiner Kritik an der dänischen Gesellschaft, die den Mainstream als Ideal darstellt. Ein wenig nervt der esoterische Unterton, aber wer Lust auf einen Roman hat, der Dinge überzeichnet und sich selbst nicht so ernst nimmt, macht mit dem „Susan-Efekt“ nichts falsch.

Volker Kutscher: Lunapark

„Lunapark“ ist der sechste Band der Krimireihe des Autors Volker Kutscher mit der Hauptfigur des Kommissars Gereon Rath. Die Serie spielt vor dem Hintergrund des Endes der Weimarer Republik und der Machtübernahme durch die Nazis. Gereon Rath stellt dabei das Sinnbild des typischen Deutschen dar, der ohne große politische Ansichten versucht , sich mit den jeweiligen Begebenheiten zu arrangieren.

Im ersten Roman der Reihe, „Der nasse Fisch“, konzentriert sich Kutscher noch auf den eigentlichen Kriminalfall. Die sich anbahnenden politischen Veränderungen fügt er eher in seine gut gelungenen Beschreibungen des sehr liberalen Berlins der 20er Jahre ein. Im Laufe der Reihe gewinnt das Politische aber an Gewicht und zeigt, wie sehr das faschistische Regime damals in alle Lebensbereiche, auch die privaten, eingriff.

„Lunapark“ spielt im Jahr 1934. Die Nazis haben die Macht übernommen und betreiben massiv ihre Säuberungsaktionen. Die Kriminalpolizei musste wesentliche Befugnisse an die Geheime Staatspolizei abgeben. Als mehrere SA-Mitglieder ermordet werden, arbeiten beide Behörden an der Auflösung. Rath muss gemeinsam mit seinem früheren Untergebenen, Reinhold Gräf, der bei der Gestapo Karriere macht, den Fall lösen. Während Gräf alles dafür tut, den Kommunisten die Morde anzuhängen, ermittelt Rath auf eigene Faust, um den wahren Täter zu ermitteln. Dies gelingt ihm recht schnell, aber die Überführung des Mörders wird für Gereon Rath zu persönlichen Katastrophe.

In „Lunapark“ stellt der eigentliche Kriminalfall nur noch die Rahmenhandlung dar. Volker Kutscher konzentriert sich vielmehr auf die Auswirkungen, welche die Machtübernahme der Faschisten auf die Gesellschaft generell und das Leben der Hauptfiguren im Besonderen hat. Dies zeigt sich schon an den Rissen, die durch Raths Familie laufen. Er selbst ist unpolitisch, lehnt die Gewaltmethoden der Nazis ab, lehnt sich aber nicht gegen diese auf. Seine Frau Charlie hingegen sympathisiert mit den Kommunisten und wird von der SA verhaftet, während Pflegesohn Fritz glühender Anhänger der Hitlerjugend ist.

Vor dem Hintergrund dieser unsicheren Zeiten verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Gut und Böse. Raths Kollege Gräf, bisher eher ein Sympathieträger der Reihe, strebt eine politische Karriere an und scheut sich nicht davor, im Rahmen des Röhm-Putsches seinen Liebhaber zu erschießen und steht nun vor der Herausforderung, die eigene Homosexualität geheim zu halten.

Johann Marlow erlebte man bisher als Gentleman-Verbrecher. Klar, ein Krimineller, der sein Geld mit unlauteren Mitteln verdient, aber dem man bisher eher eine noble Gesinnung zugestand. In „Lunapark“ zeigt er sein wahres Gesicht und bringt Gereon Rath in eine ausweglose Situation.

Rath selbst ist ein Mensch, der keinen moralischen Kompass hat. In den ersten Romanen lässt er weder Drogen noch Liebschaften mit anderen Frauen im Berliner Nachtleben aus. Um seine Fälle zu lösen, zögert er nicht mit Berufsverbrechern wie Marlow zusammen zu arbeiten. Und auch er hat einen Menschen auf dem Gewissen, der ihm Nacht für Nacht in seinen Träumen wieder erscheint.

Am Ende von „Lunapark“ wird Rath den Fall gelöst haben und dafür beruflich Karriere machen. Gleichzeitig hat er das Vertrauen seiner Frau, seines Sohnes und seines von ihm bewunderten Vorgesetzten verloren. Zudem klebt weiteres Blut an seinen Händen.

Die Bücher um Gereon Rath sind eine tolle Krimi-Lektüre, die sich wirklich zu lesen lohnt. Obwohl „Lunapark“ als eigenständiger Roman sicherlich funktioniert, ist er nur bedingt zum Einstieg in die Reihe geeignet. Zu häufig wird auf Handlungsstränge aus den vorangegangenen Romanen verwiesen. Es lohnt sich aber, von vorne mit „Der nasse Fisch“ anzufangen. Die Serie ist auf acht Bände angelegt und wird zudem gerade von Tom Tykwer verfilmt und ab Herbst auf Sky zu sehen sein.

Volker Kutscher: Lunapark
Kiepenheuer&Witsch, 22,99 Euro


 

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Ich war mit zuerst nicht sicher, ob man „Ein wenig Leben“ in Rahmen unserer Lesetipps wirklich empfehlen kann. Denn dieser Roman ist von einer unglaublichen Radikalität und treibt seinen Leser an seine Grenzen. Man mag das Buch an die Wand werfen, weil man es nicht mehr auszuhalten vermag, gleichzeitig hat es so ein hohes Suchtpotential, dass man mit dem Lesen nicht aufhören kann – deshalb will ich es hier auf jeden Fall vorstellen.

Die Autorin Hanya Yanagihara ist Jahrgang 1975 und Redakteurin des Lifestyle-Magazins der „New York Times“. „Ein wenig Leben“ ist ihr zweiter Roman und der erste, der in deutscher Übersetzung erschienen ist. Das Buch verzeichnet große Erfolge und stand auf den Short Lists mehrerer Buchpreise. Derzeit ist eine Verfilmung als TV-Serie in Vorbereitung.

„Ein wenig Leben“ handelt von vier Freunden, die sich auf der High School kennengelernt haben und gemeinsam in New York ihre Karrieren starten. Zentrum der Gruppe ist Jude, von dem man anfangs nur weiß, dass er Rechtsanwalt ist, einen Autounfall hatte, seitdem körperlich versehrt ist und unter heftigen Schmerzattacken leidet.

Die Geschichte startet anfangs als klassische Coming-of-Age-Geschichte und typischer New-York-Roman. Doch nach etwa 150 Seiten merkt man, dass die Autorin mit dem Leser etwas anderes vorhat. Sie beginnt, Judes Lebens- und Leidensgeschichte zu erzählen. Über die knapp eintausend Seiten verteilt, erfährt man stückweise die furchtbaren Details und wie die Vergangenheit Jude in seinem weiteren Lebensverlauf immer wieder einholt.

Yanagihara hat einen klaren, kompromisslosen Schreibstil. Sie beschreibt die glücklichen, wie auch die grausamen Momente mit einer Intensität, die ich vorher so nicht kannte. Es ist in die eine wie in die andere Richtung manchmal nicht zu ertragen. Immer wieder setzt sie Zeichen der Hoffnung, um dem Leser dann nur zu zeigen, dass man seinen Dämonen nicht entkommen kann und Geschichte sich immer wieder wiederholt. Trotz der Momente, in denen sie zeigt, was menschliche Güte bewirken kann, holt sie uns immer wieder zurück in die Realität, in der sich Menschen gegenseitig unbeschreibliche Dinge antun. Ihre Figuren bewahren sich ihr Leben lang den Glauben, dass sie andere retten können, dass sie ihre Schwächen ablegen können, dass sie ihre Krankheiten heilen können. Und genau an diesem Glauben scheitern sie immer und immer wieder.

Yanagihara verzichtet darauf, zeitliche Bezüge zu setzen. Man weiß nicht, wann die Geschichte spielt. Äußere Ereignisse, wie beispielsweise 9/11, welche der Logik nach stattgefunden haben müssen, spielen keine Rolle. Ebenso gibt es fast keine Frauenfiguren. Die Ansiedlung in der New Yorker Künstlerszene und dass ausnahmslos alle Hauptfiguren fantastische Karrieren ohne Brüche hinlegen, sind kritisch zu hinterfragen. Aber eben dieses Szenario lässt Yanagihara den Raum, sich auf das für sie Wesentliche zu konzentrieren.

„Ein wenig Leben“ polarisiert. Dieses Buch kann einem nicht gleichgültig sein. Sie werden es hassen oder lieben oder beides gleichzeitig. Auf alle Fälle sollten Sie es nicht verpassen und sich darauf einstellen, dass die Story Sie emotional tief bewegen wird.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben, Hanser Literaturverlage, 28 Euro (Hardcover)

The Holy Taco Shack

Die mexikanischen Gerichte kann man sich im Baukasten-System selbst zusammenstellen

Das Restaurant „The Holy Taco Shack“ hat seine Wurzeln in einem Foodtruck, der Tex-Mex-Küche im Rieselfeld verkauft hat. Aufgrund des großen Zuspruchs wurden die Trucker sesshaft und haben im Stühlinger in der Barabarastrasse, Ecke Robert-Koch-Strasse, ein Restaurant eröffnet. Anspruch der Inhaber ist „authentisches“ Essen, wie es in Mexiko und Amerika serviert wird. Im Gegensatz zu anderen Lokalen der gleichen Richtung gibt es keine Convenience-Produkte – alles wird frisch zu bereitet.

Die Karte bietet viel Interessantes im Baukasten-System: Im ersten Schritt wählt man aus, ob man Tacos, Burritos oder anderes haben möchte, dann die Füllung wie Rindfleisch, Huhn oder Schwein und zu guter Letzt die Sauce. Alternativ gibt es beispielsweise  Pastrami- oder Club-Sandwiches oder Fried Chicken mit French Fries oder Käsemakkaroni. Die Desserts sind typisch amerikanisch: Cheesecake, Apple-Pie oder Brownie.
Sonntags gibt es zusätzlich typisch amerikanisches Frühstück.

Das Bier kommt von Ganter und – ganz Zeitgeist – vom Braukollektiv. Ebenso sind Cola und Limonade hipsterlike von Fritzz.

Die Zwiebelringe waren kross und kamen mit einer leckeren Sour Cream

Geschmackstest
Getestet wurden frittierte Zwiebelringe, Enchiladas und Kürbiskuchen. Die Zwiebelringe waren cross und kamen mit einer leckeren Sour Creme. Die Enchiladas schmeckten frisch, waren allerdings nur lauwarm und das Hühnchenfleisch etwas trocken. Der Kürbiskuchen an sich war sehr lecker, wurde aber leider von einem Berg Sahne erdrückt.

Wir waren in einer größeren Gruppe unterwegs und hatten somit einen guten Querschnitt über die Gesamtkarte. Insgesamt war der Eindruck positiv, gleichwohl hätten die meisten Gerichte wärmer sein können. Auch bei der optischen Anrichtung der Gerichte besteht noch Potential nach oben. Insgesamt aber eine solide Leistung.

Ruck zuck oder Geruhsam?
Der Service war freundlich. Ein Essen wurde leider vergessen, aber schnell hinterhergebracht.

Wir waren am Abend da, daher kann die Schnelligkeit zum Mittagstisch nicht beurteilt werden. Die Bewertungen bei Facebook deuten aber darauf hin, dass man aufgrund des Andrangs eher etwas mehr Zeit mitbringen sollte.

Costa Quanta?
Für Vor-, Haupt- und Nachspeise und vier Getränken wurden insgesamt 33 Euro bezahlt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist in Ordnung. Lieber frisch und etwas teurer als pappige Convenience.

Fazit:
Wer auf amerikanisch/mexikanisches Essen steht, ist im Holy Taco Shack besser aufgehoben als in den ansonsten in Freiburg vorhandenen Mexikanern aus der Systemgastronomie. Der Abend hat in der Summe gestimmt, gleichwohl ist mein persönlicher Eindruck, dass der nach außen getragene Anspruch an Qualität noch nicht durchgehend erreicht wird und dass das sich selbst gegebene Image noch mehr mit Leben gefüllt werden sollte.

The Holy Taco Shack
Barbarastr. 18
79106 Freiburg
Telefon 0176 32970414
E-Mail: hello@theholytacoshack.com
Internet: www.theholytacoshack.de

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Donnerstag: 11 bis 23 Uhr
Freitag und Samstag: 11 bis 24 Uhr
Sonntag: 11 bis 15 Uhr
Montags geschlossen

Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich

Thees Uhlmann ist eigentlich als Frontmann der Hamburger Band „Tomte“ und solo als Musiker unterwegs, folgt jetzt aber dem Vorbild des sehr erfolgreichen Frontmanns von „Element of Crime“, Sven Regener, und versucht sich als Autor. Mit „Sophia, der Tod und ich“ hat er seinen sehr vergnüglichen Erstlingsroman vorgelegt.

Hauptprotagonist ist der namenlose Ich-Erzähler, ein Altenpfleger um die 40, der ohne rechten Plan sein Leben lebt. Er ist Vater eines Sohnes, den er seit dessen Geburtstag kaum gesehen hat, dem er aber jeden Tag eine Postkarte schreibt. Ansonsten ist seine einzige Leidenschaft Fußball und ein zynischer Blick auf das Leben im Allgemeinen.

Eines Tages steht bei ihm der Tod vor der Tür und will ihn mitnehmen. Das übliche Prozedere sieht vor, dass dem Todgeweihten noch drei Minuten verbleiben, in denen er über sein Leben und die unerfüllten Wünsche reflektieren kann. Just in diesen drei Minuten stört Sophia, die Ex-Freundin mit polnischen Wurzeln und ihrer offenen, burschikosen Art, das Ritual, um den Hauptdarsteller für einen Besuch bei seiner Mutter abzuholen. Da die übliche Vorgehensweise somit unterbrochen ist, nutzt der Tod die Gelegenheit für einen Ausflug ins normale Leben und schließt sich den beiden an.

Der Hauptdarsteller beschließt, dass er, bevor er stirbt, seinen Sohn noch einmal sehen möchte. Und so reisen alle, gemeinsam mit der Mutter, nach Süddeutschland. Wie bei einem Roadmovie erlebt die bunt zusammen gewürfelte Truppe auf dieser Fahrt die beste Zeit ihres Lebens. Dies verläuft nicht ganz ungestört, denn der Tod hat auch seine persönlichen Probleme. Es gibt einen Konkurrenten, der gerne seinen Platz einnehmen möchte und als Zeichen seiner Eignung will sich dieser den Sohn der Hauptfigur schnappen. So wird die Reise zum Wettlauf gegen die Zeit und das Finale gipfelt in einem Kampf der Tode. Klingt komisch, ist aber sehr lustig geschrieben.

Uhlmann verliert sich zwar immer mal wieder in Plattitüden, aber seine Figuren beschreibt er mit viel Liebe. Vorneweg natürlich Sophia, die das Leben nimmt, wie es kommt und auch vom Erscheinen des Todes nicht sonderlich beeindruckt ist, sondern sich mit diesem in einer Kneipe erst einmal volllaufen lässt. Die Mutter findet alles „Toll. Tolltolltoll.“ und richtet ihr Leben nach den Regeln der Hugenotten aus („Ich bin nicht deine Oma, ich bin die Grand-Maman“). Und selbst für den Tod empfindet man viel Sympathie bei seinen ersten Erfahrungen mit dem realen Leben. So nennt er sich in der ihm eigenen Ironie Morten de Sarg und gibt sich als niederländischer Bestattungsunternehmer aus. Und die Hauptfigur macht zuletzt mit sich und der Welt ihrenFrieden, bevor sie endgültig mit dem Tod mitgeht.

Fazit: Keine große Literatur, aber vergnüglich zu lesen. Und letztlich ist der Gedanke schon spannend, was man selbst machen würde, wenn plötzlich der Tod bei einem klingelt…

Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich, Kiepenheuer & Witsch, 18,99 (Hardcover)

Fondation Beyeler in Riehen

Die Fondation Beyeler, erbaut von Architekt Renzo Piano

Für Liebhaber zeitgenössischer Kunst ist die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel eine wunderbare Adresse. Die Eheleute Hildy und Ernst Beyeler haben parallel zu ihrer Arbeit als Galeristen über fünzig Jahre eine Sammlung von Bildern und Skulpturen der klassischen Moderne zusammen getragen. Die Bandbreite der ausgestellten Künstler reicht von Arp über Chagall, Kandinsky, Monet, Pollock, Rauch bis zu Rothko, Rousseau und van Gogh, um nur einige Namen zu nennen.

Die Sammlung wurde 1982 in eine Stiftung überführt und fand 1997 in dem von Renzo Piano entworfen Museumsbau im in Riehen auf dem Gelände der Villa Berower Gut seine Heimat. Wer Architektur liebt, wird schon an dem Gebäude seine Freude haben. Besonders beeindruckend ist der Raum, in dem Monets „Seerosenteich“ ausgestellt ist, dessen Fensterfront einen Blick auf einen echten Seerosenteich eröffnet.

Die Seerosen von Claude Monet gehören zur Dauerausstellung

Neben der Ausstellung der Sammlung finden zusätzlich jedes Jahr drei weitere große Ausstellungen moderner Kunst statt. Aktuell wird noch bis zum 28. Mai 2017 zum 20. Geburtstag der Fondation Claude Monet präsentiert. Im Herbst folgen dann Werke von Paul Klee.

Neben den Ausstellungen gibt es zahlreiche weitere Aktivitäten, wie beispielsweise Lesungen, dem Kunstfrühstück (Frühstück im benachbarten Café mit anschließender Führung) oder Vorträgen zu Spezialthemen.

Es gibt täglich öffentliche Führungen durch die Sammlung, teils mit den Kuratoren. Im Rahmen der Monet-Ausstellung gibt es Führungen unter dem Motto „Monet am Morgen“ ab 7.30 Uhr. Einzelne Werke werden alle 14 Tage mittwochs in der „Kunst am Mittag“ erläutert. Zwei Mal im Jahr gibt es einen Familientag mit Kurzführungen, Spielen und Workshops.

Der Besuch lohnt sich auf alle Fälle, auch wenn man kein Kunstkenner ist. Wer neben Kultur auch etwas Bewegung genießen möchte, dem sei noch der Wanderweg „24 Stops“ empfohlen. Hier läuft man in knapp zwei Stunden an den Weinbergen des Tüllingers zum Vitra Design Museum in Weil am Rhein und kann die ganze Strecke über einen wunderbaren Blick auf das Panorama von Basel genießen.

Adresse:
Fondation Beyeler
Baselstrasse 101
4125 Riehen, Schweiz
Tel. 0041 61 645 97 00

Internet: www.fondationbeyeler.ch

Öffnungszeiten:
Montag bis Sonntag 10.00 – 18.00 Uhr
mittwochs bis 20.00 Uhr

Eintrittspreise:
Erwachsene 25 Euro/Franken (für die Monet-Ausstellung 28 Euro/Franken)
Kinder bis 10 Jahre freier Eintritt, 11 bis 19 Jahre 6 Euro/Franken
Studierende bis 30 Jahre 12 Euro
Familienpass (zwei Erwachsene und bis zu vier Kinder bis 19 Jahre) 40,00 Euro/Franken
Öffentliche Führung: Museumseintritt plus 7,00 Euro/Franken

 

The Gramercy

Eine kleine, aber sehr feine Adresse für gutes Essen – das Gramercy

Seit gut eineinhalb Jahren gibt es in Freiburger Fischerau „The Gramercy“. Carolin Rechenbach und Sebastian Trefzer haben dort einen festen Standort gefunden, nachdem sie gut neun Jahren ihr Konzept an verschiedenen Standorten, wie beispielsweise dem Augustinermuseum oder mittags im benachbarten „Cabana“ ausprobiert haben.

Das Restaurant ist schlicht eingerichtet. Hellgraues Mobiliar fügt sich perfekt zur historischen Steinwand. Platz und Anzahl der Tische sind überschaubar, gleichwohl sitzt man nicht eng an eng.

Geschmackstest
Die Küche läuft unter dem Label „Contemporary Kitchen“ und meint modernes, zeitgenössisches Essen ohne viel Chichi. Die Zutaten sind weitestgehend bio, demeter und regional. Die Karte bietet eine kleine überschaubare Auswahl, immer mit einer vegetarischen Variante.

Bei unserem Probeessen gab es vorzügliche Spinatnocken. Die Küche versteht eindeutig ihr Handwerk. Alles war auf dem Punkt.

Ruck zuck oder Geruhsam?
Der Service war sehr aufmerksam, freundlich und schnell (aufgrund unserer Reservierung war der Name bekannt und die Bedienung sprach uns konsequent persönlich an). Das Essen kam schnell, ebenso wie Espresso danach, zu dem noch selbstgemachtes Gebäck gereicht wurde.

Costa Quanta?
Es gibt einen Business Lunch, bestehend aus drei Gängen, für 30 Euro. Die Hauptgänge können auch separat bestellt werden und werden mit einem kleinen Salat oder der Tagessuppe vorweg serviert. Preislich liegen diese zwischen 15 und 18 Euro. Am Abend gibt es den Drei-Gänger für 45 Euro, vier Gänge für 55 Euro und fünf Gänge für 65 Euro.

Fazit
The Gramercy ist eine kleine, aber sehr feine Adresse für gutes Essen, das seinen Preis hat, aber auch jeden Cent wert ist. Sicherlich ist es nichts für den häufigen Mittagstisch, aber wenn man sich mal etwas gönnen will, macht man nichts falsch. Reservierung ist sicherlich sinnvoll, auch wegen der  ungewöhnlichen Öffnungszeiten (siehe unten). Ausprobieren!

Öffnungszeiten:
April bis September: 12 bis 14.00 Uhr
Oktober bis März: Montag bis Freitag 12 bis 14 Uhr, Donnerstag und Freitag 19 bis 23 Uhr

The Gramercy
Fischerau 28
79098 Freiburg
Tel. 0761/21707979

Autor: Jens Mutter

Jane Gardam: Die „Old Filth-Trilogie“

Der erste Band der Trilogie: Ein untadeliger Mann

Obgleich Jane Gardam seit mehr als vierzig Jahre in England eine erfolgreiche Autorin ist, werden erst jetzt, nahe ihrem 90. Geburtstag, ihre Bücher ins Deutsche übersetzt. Im Münchner Hanser Verlag ist die „Old Filth“-Trilogie erschienen – „Old Filth“ steht für „alt, dreckig“ und ist der Spitzname einer der Hauptpersonen. Dieser Name ist konträr zum Titel des ersten der drei Bände, „Ein untadeliger Mann“, und weist schon auf die feine Ironie hin, mit welcher die Autorin ihre Stories unterlegt.

Die drei Bücher handeln von den Eheleuten Eddie und Betty Feathers und Terry Veneering, Eddies Erzfeind und Bettys heimliche große Liebe.  Die drei stehen sinnbildlich für das britische Empire und dessen Niedergang. Sie verkörpern Erfolg, Weltmännigkeit, Manieren, Stil und elitäres Gehabe und fallen doch mit den Veränderungen des Weltgeschehens zunehmend aus der Zeit.

Allen drei gemein ist, dass sie von ihren Eltern früh getrennt wurden. Eddies Mutter stirbt bei der Geburt in Malaysia. Sein Vater kann keine Beziehung zum ihm aufbauen und schickt ihn zu entfernten Verwandten nach England. Bettys Mutter schickt das Mädchen zur besseren Erziehung ins Internat nach China. Und Terrys Mutter ist Kohlehändlerin und lässt ihn im Zweiten Weltkrieg evakuieren. Sie selbst stirbt im Bombenhagel.

Der zweite Band „Eine treue Frau“ wird aus Bettys Sicht erzählt

Ihr Glück finden die drei Protagonisten in Hongkong. Eddie und Terry machen als Anwälte Karriere und pflegen ihre bereits im Studium begonnene Feindschaft. Betty gerät zwischen die beiden. Sie verlobt sich mit Eddie und verspricht ihm, ihn nie zu verlassen. Eine Stunde später trifft sie Terry und vrebringt mit ihm eine einzige Nacht. Sie hält Ihr Versprechen Eddie gegenüber, wird aber bis an Ihr Lebensende mit Terry in Verbindung bleiben.

Zeichen dieser heimlichen Liebe ist eine Perlenkette, die sie identisch auch von Eddie bekommen hat und die sie kurz vor ihrem Tod im Garten vergraben wird, damit ihr Geheimnis nicht posthum aufgedeckt wird. Doch sie irrt sich, dass Eddie ihr Geheimnis nicht kennt. Er hat die ganze Zeit Kenntnis über den Seitensprung, schweigt aber, da er dieselbe Nacht mit seiner Jugendliebe verbracht hat. Beide haben sich, ohne dies jemals besprochen zu haben, für die Vernunftehe entschieden.

Im Ruhestand kehren alle nach England zurück und nach Bettys Tod werden die beiden Männer erst Nachbarn und dann Freunde. Es kommt in einer Nacht zu einer finalen Aussprache. Mit den gemachten Frieden trennen sich ihre Wege und beide werden ebenfalls kurz nacheinander den Tod finden.

Die einzelnen Bände der Trilogie erzählen die Geschichte jeweils aus der Perspektive einer der handelnden Personen. Der erste Band „Ein untadeliger Mann“ konzentriert sich auf Eddies Jugend als sogenannten „Raj-Waise“. Geboren in Malaysia, dann zur Erziehung nach England abgeschoben, wird er seinen Vater nie wiedersehen. In Pflegefamilien, Internaten und als Leibgarde von Queen Victoria erlebt er Leid und Glück und lernt Pflichtgefühl und Disziplin, was ihn zeitlebens prägen (und im Weg stehen) wird.

Der zweite Band „Eine treue Frau“ wird aus Bettys Sicht erzählt und handelt von den Jahren der Ehe, des unerfüllten Kinderwunsches (Betty kümmert sich stattdessen um Terrys Sohn) und der heimlichen Verbindung zu Terry.

Im dritten Band wird Terrys Geschichte aus der Sicht von alten Freunden und den Nachmietern seines Hauses erzählt

Band Drei hat als zentrale Figur Terry und erzählt seinen Werdegang. Während die ersten beiden Bände aus der Sicht der Hauptdarsteller geschrieben sind, erfährt man Terrys Geschichte hier aus Nacherzählungen von alten Freunden und den Nachmietern seines Hauses.

Die Trilogie ist dermaßen britisch geschrieben, dass es ein Muss für alle England-Fans ist. Alle anderen können sich an einer spannenden Geschichte erfreuen, die Jane Gardam mit Leichtigkeit und Ironie schreibt. Und obgleich drei Mal die gleiche Geschichte erzählt wird, bringt sie jedes Mal neue Wendungen und Interpretationsmöglichkeiten in die Story. Es ist wie immer im Leben, es gibt nicht die eine Wahrheit, sondern es kommt immer auf den Blickwinkel an.

Man legt den letzten Band mit einer gewissen Wehmut weg und mag sich nur schwer aus dem Kosmos der handelnden Personen verabschieden. Jane Gardam lässt trotz ihres hohen Alters offen, ob es weitere Bände geben wird. Es gibt eine Zahl von Nebencharakteren, über die man gerne mehr erfahren möchte: Beispielsweise Terrys Sohn, von dem man weiß, dass er als Geheimagent arbeitet und der dabei den Tod findet. Oder Eddies zufälligen Trauzeugen, Fiscal-Smith, ebenfalls Anwalt, aber von allen ignoriert und nur im Fahrwasser der beiden anderen erfolgreich. Oder Isobel Ingoldby, Eddies Jugendliebe und Erbin, die eigentlich Frauen zugeneigt ist und scheinbar eine Affäre mit der Tochter einer gemeinsamen Freundin hat. Oder Eddies ewigen Begleiter, ein Kleinwüchsiger mit enormen Vermögen und Bettys ärgster Feind, … Es bleibt also spannend.

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann, (22,90 Euro), Eine treue Frau (21,90 Euro) und Letzte Freunde (22 Euro), Hanser Literaturverlage

Auch bei uns war Oktoberfest!

oktoberfestKürzlich haben wir Mitarbeiter der Volksbank Freiburg  unser jährliches Betriebsfest in der Freiburger Wodanhalle gefeiert. Motto dieses Jahr: Oktoberfest. Die meisten kamen zünftig in Dirndl oder Lederhosen, zumindest aber im blauweiß-karierten Hemd. So war die Athmosphäre ziemlich authentisch, zumal der DJ in der ersten Hälfte des Abends Original-Oktoberfest-Musik spielte. Der spätere Wechsel zu aktuellen Pop- und Dance-Hits tat der Stimmung allerdings keinen Abbruch – eher im Gegenteil … Während der Feier – zwischen Schweinshaxe und Apfelstrudel – habe ich ein paar Mitarbeiter befragt. Auch bei uns war Oktoberfest! weiterlesen

Existenzgründung: Die acht wichtigsten Punkte, auf die Sie bei der Finanzierung achten sollten

Existenzgruendung_1Deutschland ist das Land der Gründer. Dies zeigt der jährlich erscheinende Gründungsmonitor der KfW Bankengruppe, der erneut einen Anstieg von Existenzgründungen für das Jahr 2015 belegt. Gleichzeitig setzten aber Gründer weniger eigene finanzielle Mitteln ein, was in der Folge bedeutet, dass Finanzierungslösungen von Banken mehr nachgefragt werden.

Nach welchen Kriterien entscheiden Banken aber bei der Kreditvergabe an Gründer? Und worauf sollten Sie als Existenzgründer achten, wenn Sie das Gespräch mit einem Kreditinstitut suchen? Eine erste Orientierungshilfe möchte ich mit diesem Artikel bieten.

Existenzgründung: Die acht wichtigsten Punkte, auf die Sie bei der Finanzierung achten sollten weiterlesen

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch

9783462044362_5Joachim Meyerhoff ist Schauspieler am Burgtheater Wien und unterhält dort seit Jahren das Publikum mit Erzählungen aus seiner Kindheit. Diese veröffentlicht er auch in Buchform in mehreren Teilen unter dem Titel „Alle Toten fliegen hoch“. Die beiden ersten Bände „Amerika“ und „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“ (dieses Buch habe ich allein schon wegen des Titels gekauft) sind schon länger auf dem Markt und auf alle Fälle wert, hier vorgestellt zu werden.

Meyerhoffs Kindheit spielt vor einer ungewöhnlichen Kulisse. Sein Vater leitet in Schleswig eine geschlossene Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Familie wohnt in einem Häuschen direkt auf dem Krankenhausgelände.

Die beiden Bände bauen nicht chronologisch aufeinander auf: „Amerika“ erzählt von dem Austauschjahr des Teenagers Joachim in der Einöde von Wyoming. „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ erzählt von den Kindheitsjahren insgesamt.

Meyerhoff erzählt mit leichtem Ton fast beiläufig von großen Peinlichkeiten und skurrilen Situationen: Seine Spielkameraden findet er unter den Krankenhausinsassen und kann später in Amerika nicht einschlafen, da ihm das Geheul fehlt, welches die Patienten in der Abenddämmerung tagtäglich anstimmen. In den USA beginnt er eine Brieffreundschaft mit einem deutschen Häftling in der Todeszelle, welcher überraschend begnadigt wird und der mangels anderer sozialer Kontakte bei der Familie einzieht. Seine amerikanische Gastfamilie sind strenggläubige Freikirchler mit einer Farm in the middle of nowhere.
Seine Teenagerliebe dort besticht im wesentlichen durch ihre voluminöse, durch Tonnen von Haarspray gefestigte Frisur und dadurch, dass sie nur unter dem Einfluss von Erdbeerschnaps seine körperliche Nähe sucht.

Die Handlung spielt in den 80er Jahren und Meyerhoff erzählt seine Geschichten höchst ironisch und mit viel Wärme. Die Romane handeln vom Erwachsenwerden und den Problemen dabei. Es bleibt aber nicht bei der Auflistung von Kindheits- und Teenager-Erlebnissen, sondern Meyerhoff berichtet auch über existentielle Krisen. In ersten Band stirbt der mittlere Bruder bei einem Autounfall. In zweiten Band überlebt der Vater seine Krebserkrankung nicht. Zudem kommt nach seinem Tod heraus, dass er ein Doppelleben mit einer zweiten Familie geführt hat.

Meyerhoff gelingt die Verknüpfung dieser Schicksalsschläge mit den kleinen Begebenheiten des Alltags in einer wunderbaren Art und Weise. Die Erzählungen behalten ihre Leichtigkeit auch bei den Schicksalsschlägen, ohne diese aber ins Lächerliche zu ziehen.

Aktuell ist der dritte Band erschienen. Allein der Titel „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist schon wieder Grund genug, das Buch zu kaufen…

Die drei Bücher von Joachim Meyerhoff:

9783462044362_5Alle Toten fliegen hoch – Amerika. KiWi-Taschenbuch, 9,99 Euro

9783462045161_5Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war.
Alle Toten fliegen hoch Teil 2, KiWi-Taschenbuch, 9,99 Euro

9783462315035_5Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke.
Alle Toten fliegen hoch Teil 3, Kiepenheuer&Witsch, 21,99 Euro

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

Panikherz1998 erschien Benjamin von Stuckrad-Barres Erstling „Soloalbum“, ein Roman über die Trennung eines Mittzwanzigers von seiner ersten großen Liebe. Das Buch hat mich damals total begeistert. Es war ungemein witzig und lebensnah geschrieben. Gemeinsam mit Christian Kracht begründet Stuckrad-Barre damals die sogenannte Popliteratur. Die folgenden Romane „Livealbum“ und „Blackbox“ waren dann deutlich schwächer, so dass ich den Autor aus den Augen verlor und nur noch ab und zu als Gastgeber einer schrägen Talkshow in irgendeinem Spartensender wahrgenommen habe.

Vor ein paar Wochen habe ich aus Interesse „Soloalbum“ noch mal gelesen und war daher sehr gespannt, als mit „Panikherz“ die Biografie von Stuckrad-Barre kürzlich erschienen ist. Und die hat es in sich.

Stuckrad-Barres früher Erfolg hatte seinen Preis und dem Aufstieg folgte eine exzessive Drogenkarriere und Magersucht. Diese Phase seinen Lebens arbeitet er jetzt in „Panikherz“ auf und macht dies so realistisch und trotzdem mit so viel Humor, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag. Nicht dass es täuscht: Die Drogenexzesse werden deutlich und sehr ausführlich beschrieben. Stuckrad-Barre wirft einen schonungslosen Blick auf sich und lässt auch nicht aus, wie hart der tägliche Kampf der Abstinenz ist, den er mittlerweile seit zehn Jahren führt.

Stuckrad-Barre wächst in der niedersächsischen Provinz in einem gutbürgerlichen, linksliberalen Haushalt auf. Sein Vater ist Pfarrer, die Familienverhältnisse sind alles andere als zerrüttet. Trotzdem hat er schon als Kind eine innere Unruhe, „dieses Zucken im Bein“, das sich nicht abstellen lässt. Dies begleitet ihn sein Leben lang und er versucht es als Erwachsener mit Kokain zu betäuben. Außerdem hat er im Rausch keinen Hunger, was seine Magersucht zusätzlich vorantreibt.

Sein wesentliches Interesse gilt der Musik und so arbeitet er nach der Schule unter anderem als Musikkritiker beim Rolling Stone, als Produktmanager bei einer Plattenfirma und als Gagschreiber für Harald Schmidt, bevor er seine Karriere als Autor startet. Parallel dazu rutscht er in den Drogensumpf, aus dem er sich erst mit dem vierten Klinikaufenthalt mit der Hilfe seines Bruders  befreien kann.

Hauptfigur des Romans ist aber eigentlich Udo Lindenberg. Er ist der musikalische Held der Jugend, wird von Stuckrad-Barre in dessen Jahren als Musikkritiker harsch angegangen und nimmt ihn später trotzdem in seine „Panikfamilie“ auf. Lindenberg und Regisseur Helmut Dietl sind Vorbilder und Orientierungspunkte für Stuckrad-Barre und geben ihm neben der Familie den notwendigen Halt.

„Panikherz“ hat ein ernstes Thema und ist nicht immer leichte Kost. Stuckrad-Barre blickt sehr ehrlich auf sein eigenes Scheitern, macht dies aber zugleich unheimlich humorvoll. Da verzeiht man, dass er wesentliche Bereiche seines Lebens, wie zum Beispiel Beziehungen, einfach ausklammert. Die vielen Anekdoten von Begegnungen mit Prominenten sind manchmal etwas sehr gewollt, beispielsweise wenn er von dem Besuch eines Beach Boys-Konzertes mit Thomas Gottschalk berichtet. Aber insbesondere die Szenen mit Udo Lindenberg sind so liebevoll und amüsant geschrieben, dass man am liebsten selbst zu Udo ins Hotel Atlantic nach Hamburg fahren und mit ihm ein Likörchen trinken möchte.

Meine Empfehlung: Unbedingt lesen.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz, Kiepenheuer & Witsch, 22,99 Euro (Hardcover)

Als Türmer über Freiburgs Dächern

Tuermerstand
In diesem Raum aus Holz und Glas auf dem Dach des Stadttheaters habe ich früh morgens „Wache gehalten“

„Die Türmer von Freiburg“ ist ein Projekt des Freiburger Theaters, das über ein ganzes Jahr lief und Mitte Juni seinen Abschluss gefunden hat. 365 Tage lang stand je ein Bewohner der Stadt eine Stunde bei Sonnenaufgang oder bei Sonnenuntergang auf dem Dach des Theaters und wachte über die Menschen. Der Name des Projektes erinnert an die Stadtsoldaten, die früher von den Stadttoren herunter über Freiburg Wache gehalten haben. Als Türmer über Freiburgs Dächern weiterlesen

Café Pow

Pow-EingangDas Café Pow ist die „gute Stube“ des Coworking Spaces „Grünhof“ . Der „Grünhof“ in der Belfortstrasse 52 in der Nähe des Hauptbahnhofs war früher ein typisches Schnitzelparadies. Von der bierseligen Gemütlichkeit ist nicht mehr viel übrig geblieben. Heute präsentiert sich der „Grünhof“ als Tummelplatz von kreativen und innovativen Gründern, die neue Geschäftsmodelle entwickeln und Unternehmen ins Leben rufen. Im „Café Pow“ kann man auch als Externer Teil dieses Community werden und seinen Espresso in dieser quirligen Atmosphäre genießen.

Das Herzstück des „Pow“ ist der tolle Biergarten. Man sitzt auf aus Europaletten selbstgebauten Möbeln beschaulich und erstaunlich ruhig im Hinterhof. Es gibt auch einen Innenraum, dieser ist aber sehr klein und schnell voll. Der typische Freiburger Provinz-Hipster kommt ins „Pow“ und denkt: „Dit is‘ Berlin“.

Donnerstags abends gibt es eine Bar mit einer außergewöhnlichen Cocktailkarte, Samstag vormittags Weißwurst-Frühstück.

Pow-EssenGeschmackstest
Die Speisekarte ist überschaubar, aber sehr lecker. Alles ist bio, und wenn möglich von kleineren lokalen Anbietern. Neben verschiedenen Suppen und Salaten gibt es Hot Dogs, Quiche und Stullen sowie ein kleines Frühstücksangebot. Also alles eher für den kleinen Hunger.

Ruck zuck oder Geruhsam?
Da man direkt an der Kasse bestellt und bezahlt und alles mitnimmt, kann man schon von „Ruck zuck“ ausgehen.

Costa Quanta?
Espresso 1,90 Euro, Cappuccino 2,50 Euro, Bier 2,70 Euro, selbstgemachter Eistee 3,00 Euro
Suppen 5,10 bis 5,30 Euro, Salat 4 Euro, Quiche 4,00 Euro

Fazit
Das „Café Pow“ ist eine wunderbare Ergänzung der Freiburger Gastroszene. Im Biergarten sitzt es sich super. Das Angebot ist klein, aber fein. Aktuell wird das Hipstertum sehr extrem gepflegt, was man mögen sollte. Dann aber kann man im „Café Pow“ schöne Pausen und Abende erleben.

Jackie Thomae: Momente der Klarheit

Thomae_24943_MR1.inddDie Journalistin Jackie Thomae hat mit ihrem ersten Roman ein Buch geschrieben, dass mich schlichtweg umgehauen hat. Das Buch handelt von der Liebe, ist aber kein Liebesroman. Vielmehr beschreibt es die Momente im Leben, in denen einem die Realität schlagartig klar und bewusst wird und in deren Folge sich das eigene Leben radikal ändert.

Da ist zum Beispiel das Ehepaar, das am Flughafen in einer Bar auf den Abflug wartet. Eine zweite Frau setzt zu Ihnen an den Tisch und beiden Eheleuten ist sofort klar: Wegen dieser Frau werden sie sich trennen und diese Frau wir die zweite Ehefrau des Mannes.

Oder die Frau, die „der Kinder wegen“ mit ihrem ersten und ihrem dritten Ehemann in den Urlaub fährt, dabei aber nur an ihren zweiten Ehemann denkt, der ihre große Liebe war.

Oder der Mann, der auf einer Party seine auf dem Tresen tanzende Frau beobachtet und vergöttert, kurz darauf aber den Kommentar einen jungen Mädchens über die „Alte, dies es noch mal wissen will“ hört, danach nur noch Tragik für seine Frau empfindet und mit ebendiesem Mädchen durchbrennt.

Oder die Frau, die im Nachtzug plötzlich realisiert, dass sie Alkoholikerin ist.

Oder der Mann, der von seiner Frau wegen Mittelmäßigkeit verlassen wird und daher viele Dates mit mittelmäßigen Frauen hat: „Durchschnittliche Frauen, wollten mit ihm Fantasien ausleben, vor denen er sich teils fürchtete. Kein Abgrund war ihnen zu tief, kein Experiment zu dunkel. Anschließend setzten sie sich in einen Ford Ka, in dem ein Plüschtier am Rückspiegel hing, und fuhren zurück nach Pankow oder Rudow.“

Das klingt alles wahnsinnig deprimierend, die Leseprobe zeigt aber den Wortwitz, die klare Sprache und die pointierte Story. Angesiedelt ist der Roman im Künstlermilieu in Berlin, alle sind um die 40 und irgendwie miteinander verbandelt. Jackie Thomae hat Ihren Roman als Episodenroman konzipiert, was das handelnde Personal etwas unübersichtlich macht so dass man häufiger zum Personenregister am Ende des Buches greifen muss. Aber was sie erzählt und wie sie es erzählt, ist so witzig und böse und trotzdem nah am Leben.

Manchmal erschrickt man, weil man sich wiederfindet, weil einem selbst ähnliches passiert ist, weil man sich ertappt fühlt. Und auf alle Fälle erinnert man sich an die eigenen Momente der Klarheit, die einen an einen Wendepunkt des Lebens geführt haben.

Jackie Thomae: Momente der Klarheit, Fischer Taschenbuch, 10,99 Euro

Vielfalt als Chance

Vielfalt
Unsere Gesellschaft wird immer vielfälltiger und somit auch unsere Arbeitswelt – doch wie offen und tolerant sind wir wirklich?

In den vergangenen Wochen haben wir uns in mehreren Artikeln damit beschäftigt, wie in der Volksbank Freiburg mit dem Thema Vielfalt umgegangen wird. In Gesprächen mit dem Vorstand, der Personalabteilung, dem Betriebsrat und Betroffenen haben wir uns einen Überblick verschafft, wie es unseren weiblichen Kolleginnen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Handicap, Migrationshintergrund oder gleichgeschlechtlicher sexueller Orientierung in unserem Haus ergeht. Wie sieht mein persönliches Fazit aus diesen Berichten aus? Wo steht die Volksbank Freiburg in Sachen Offenheit, Toleranz und Liberalität? Begreifen wir Vielfalt als Problem oder als Chance? Vielfalt als Chance weiterlesen

„Menschen haben Angst vor Rollstühlen“ – Integration von Behinderten

Integration von Behinderten
Karriere trotz Behinderung – unter welchen Vorraussetungen ist das möglich?

Die Integration behinderter Menschen in das Berufsleben ist klar geregelt. Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern müssen mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzen. Tun sie dies nicht, müssen sie eine Strafe zahlen. Deutschlandweit wird die Quote mit 4,6 Prozent annähernd erreicht. Gleichwohl beschönt dieser Mittelwert die erheblichen Unterschiede, die es gibt. Je kleiner die Unternehmen, desto schlechter die Quote. Circa 26 Prozent der rund 37.000 Arbeitgeber in Deutschland beschäftigen sogar keinen einzigen Mitarbeiter mit Behinderung. Wie sieht das in unserem Haus aus? „Menschen haben Angst vor Rollstühlen“ – Integration von Behinderten weiterlesen

Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe

Gjrasnowa_978-3-446-24598-3_MR2.inddDer Titel des Romans verwirrt: Es geht um alle Facetten einer Ehe, aber nie um irgendwelche juristischen Details.

Leyla und Altay, beide dem eigenen Geschlecht zugewandt, führen eine Scheinehe, um den Anforderungen ihrer Familien zu entsprechen. Nachdem Leyla aufgrund eines Unfalls nicht mehr als Ballerina im berühmten Bolschoi-Ensemble auftreten kann, gehen beide nach Berlin und starten neu. Eines Tages verliebt Leyla sich in die unsichere Kunststudentin Jonoun. Altay kann dies nicht ertragen und verteidigt seine Position als Ehemann. Als Leyla einen erneuten Unfall hat, flüchtet sie vor der Situation nach Aserbaidschan. Altay und Jounoun reisen ihr gemeinsam nach. Während ihres Aufenthaltes in dem postkommunistischen Operettenstaat verliebt Altay sich und Jonoun und Leyla lernen sich auf einer Reise nach Georgien intensiver kennen. Am Ende bleibt trotzdem alles beim alten.

Schon der Erstlingsroman von Grjasnowa, „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, war ein großartig erzählter Roman. Das aktuelle Buch besticht durch eine klare Sprache. Grjasnowa gelingt es, das aktuelle Lebensgefühl von Berlin und Baku einzufangen und den Leser in die Szenerie hineinzuziehen. Man ringt mit den drei Protagonisten, die in einer Zeit leben, in der alles möglich ist, es aber nicht schaffen, sich festzulegen, um das große Glück zu finden. Lieber wählen sie den kleinsten gemeinsamen Kompromiss und halten sich weiterhin alle Optionen offen.

Die Kritik hat das Buch sehr unterschiedlich besprochen – mir haben die Irrungen und Wirrungen der Menage à trois und die Beschreibung der Lebensmilieus der drei sehr gefallen.

Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe, dtv, 9,90 (Taschenbuch)

Unter der gläsernen Decke – Frauen und Karriere

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Frauen sind in Führungspositionen immer noch stark unterrepräsentiert

Immer wenn wir in den vergangenen Wochen mit jemanden über unsere Artikelreihe „Gesellschaftliche Vielfalt“, also zum Umgang unserer Bank mit gesellschaftlichen Randgruppen gesprochen und erwähnt haben, dass ein Themenschwerpunkt Frauen sein werden, gab es die gleiche Reaktion: Zuerst ein ungläubiges Lachen, dass wir die Hälfte der Menschheit als Randgruppe bezeichnen. Nach einem kurzen Gedankenaustausch stand dann aber die Erkenntnis, dass wir von den betrachteten „Randgruppen“ – Frauen, Behinderte, Ausländer, Lesben und Schwule – hier die größte Baustelle haben. Unter der gläsernen Decke – Frauen und Karriere weiterlesen

Jean-Philippe Blondel: 6 Uhr 41

6-Uhr-41-Cover-394x648Cecile Duffaut nimmt nach einem anstrengenden Wochenende bei ihren Eltern den Frühzug zurück nach Paris und freut sich auf eine ruhige Zugfahrt. Dann aber setzt sich Philippe Leduc neben sie, mit dem sie vor 30 Jahren eine kurze Beziehung hatte, die damals bei einem Wochenendtrip nach London ein böses Ende fand. Beide erkennen sich, wagen es aber nicht, sich anzusprechen. Auf der Fahrt nach Paris hängen sie ihren Gedanken nach und reflektieren die Auswirkungen ihrer gemeinsamen Beziehung auf den restlichen Verlauf ihres Lebens.

Das Reizvolle an diesem Buch von Jean-Philippe Blondel ist die Ausgangssituation: Wer hat noch nicht einmal dem Gedanken nachgehangen: „Was wäre gewesen, wenn…“ Hier wird dieser Gedanke durchgespielt. Abwechselnd erlebt man die Perspektive von Cecile, dann die von Philippe.

Das Buch dreht sich auch um Wendepunkte in einem Leben. Während Philippe in der Jugend der verführerische Draufgänger war, dem alles zuflog, war Cecile die graue Maus, die von niemanden wahrgenommen wurde und die sich selbst im Weg stand. Das Wochenende in London, an welchem er sich von ihr auf erbärmlichste Weise trennte, änderte die Verhältnisse. In der Gegenwart ist Cecile die attraktive, toughe Geschäftsfrau, verheiratet, im Leben stehend und beruflich erfolgreich (auch ihre Geschäftsidee hat sie in London entdeckt). Philippe hingegen ist geschieden, perspektivlos im Job und übergewichtig.

Man kann sich wunderbar mit den beiden Hauptfiguren identifizieren, die in ihrem inneren Monolog gnadenlos ehrlich zu sich sind und durch diese zufällige Begegnung ein Zwischenfazit ihres bisherigen Lebens ziehen. Dieser Prozess setzt unwillkürlich auch beim Leser ein. Und man fängt auch an zu überlegen, was wohl wäre, wenn man selbst die erste Jugendliebe wieder träfe.

Zudem will man das ganze Buch über wissen, wie sich die Situation auflöst. Sprechen Cecile und Philippe sich doch noch an und was entwickelt sich daraus? Das wird hier natürlich nicht verraten.

Jean-Philippe Blondel: 6 Uhr 41, Goldmann, 8,99 Euro

Susan Abulhawa: Während die Welt schlief

Waehrend_die_Welt_schliefSusan Abulhawas Roman „Während die Welt schlief“ erzählt die Geschichte der Familie Abulhija über vier Generationen und spielt in den besetzten Palästinensergebieten. Die Geschichte beginnt mit der Gründung des Staates Israel als dessen Folge die Familie Abulhija ihr Heimatdorf Ein Hod verlassen muss. Niemand aus der Familie wird jemals zurückkehren, stattdessen folgen im Zuge des Nahost-Konfliktes eine Vielzahl von Schicksalsschlägen. Bereits auf der Flucht wird der Säugling Ismael von einem israelischen Soldaten entführt. Der Vater verschwindet in den Wirren des Sechs-Tages-Krieges. Die Mutter verliert sich in ihrer Trauer im Wahnsinn. Der Sohn Yussuf schließt sich der PLO an und sprengt als Racheakt für den Tod seiner Frau und seiner Kinder die amerikanische Botschaft im Libanon und stirbt dabei. Einzig der Tochter Amal, bereits im Flüchtlingslager geboren, gelingt über ein Stipendium die Flucht nach Amerika und somit die Möglichkeit, ein normales Leben zu führen.

Der Roman zeigt schonungslos die Grausamkeiten des Krieges, konzentriert sich dabei aber auf seine Figuren und wie diese durch Krieg, Flucht und Verlust geprägt werden. Susan Abulhawa nimmt dabei nie Stellung für eine der beiden Seiten ein, gleichwohl ihr Roman stark autobiographisch ist. Sie gibt nebem dem Leid der Palästinenser auch dem Grauen des Holocausts wie auch den Schmerzen der Opfer der PLO ausreichend Raum. Und sie setzt ein Zeichen für Hoffnung und Versöhnung, als Amal ihren verloren geglaubten Bruder Ismael, der von Juden aufgezogen wurde, wieder trifft.

Auch wenn die Inhaltsbeschreibung nicht danach klingt, ist in der Geschichte viel Fröhliches. Abulhawa hat eine leichte, fast schon poetische Schreibweise und setzt dem Grauen immer wieder Hoffnung entgegen. Die Geschichte hilft, den Nahost-Konflikt besser zu verstehen und veranschaulicht dem Leser in besonderer Weise, was Krieg und Flucht für die betroffenen Menschen bedeuten. Vor dem Hintergrund des aktuellen Tagesgeschehens mit der Flüchtlingskrise ist das Buch ganz besonders zu empfehlen.

Susan Abulhawa: Während die Welt schlief, Diana, 9,99 Euro

Urlaubstipp: Reykjavik

Reykjavik
In Island lockt die Natur, aber auch die Hauptstadt hat einiges zu bieten

Wer nicht zwingend heiße Sommer benötigt, für den lohnt sich ein Trip nach Island. Dort kann man Geologie live erleben. Vulkane treffen auf Gletscher, Eisseen liegen mitten zwischen schwarzen Lavafeldern. Warme Quellen treten überall aus den Felsen hervor. Und neben der beeindruckenden Natur hat man mit Reykjavik eine höchst urbane, pulsierende, moderne Großstadt mit einem tollen Opernhaus, einer großartigen Kneipenszene und hippen Einkaufsvierteln.

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Arturo Pérez-Reverte: Dreimal im Leben

Perez-Reverte„Dreimal im Leben“ von Arturo Perez-Ruverte ist der perfekte Urlaubsroman. Genau das Buch, das man nicht mehr aus Hand legen mag und in einem Zug verschlingen will.

Es ist die Lebens- und Liebesgeschichte von der schönen Mecha und dem zwielichtigen Max. Beide lernen sich Ende der 20er Jahre auf einer Kreuzfahrt nach Buenos Aires kennen. Mecha ist die Ehefrau eines berühmten Komponisten, der im Wettkampf mit Ravel steht und den perfekten Tango schreiben will, Max arbeitet als Eintänzer auf dem Schiff und tanzt gegen Bezahlung mit den weiblichen Passagieren.

In Buenos Aires angekommen führt Max das Ehepaar in die übelsten Tangospelunken der Stadt und lässt sich auf eine Affäre mit der faszinierenden Mecha ein. Für beide ist es der Beginn der Liebe Ihres Lebens, dieses trennt sie aber umgehend und sie sehen sich erst Mitte der Dreißiger Jahre in Nizza wieder. Max Verwicklungen in eine Spionagegeschichte sorgen dafür, dass sie sich nach wenigen Tagen wieder aus den Augen verlieren.

Erst in den 60er Jahren begegnen sie sich, zwischenzeitlich beide im Rentenalter, auf Capri wieder. Und wieder werden sie getrennt, dieses Mal geraten sie und der gemeinsame Sohn zwischen die Fronten von Russen und Amerikanern vor dem Hintergrund des Kalten Krieges.

Neben der unerfüllten Liebe der Beiden liegt der Reiz des Buches in der Beschreibung der längst vergangenen Zeiten und der faszinierenden Orte. Arturo Perez-Ruverte ist ein grandioser Erzähler, der mit einer Leichtigkeit schreibt und Unterhaltung auf höchstem Niveau bietet. Selbst nach mehr als 500 Seiten mag man nicht aufhören zu lesen und hofft auf die vierte Begegnung der Beiden.

Arturo Pérez-Reverte: Dreimal im Leben, insel taschenbuch, 9,99 Euro