Alkoholkonsum – zwischen Maß und Übermaß

Der Konsum von Alkohol ist bei uns gesellschaftlich akzeptiert

Zu Beginn meiner Ausbildung zur Fachkraft für betriebliche Suchtprävention musste ich  eine Abstinenzerklärung unterschreiben und damit bestätigen,  dass ich nur einen kontrollierten, gemäßigten Gebrauch von Genussmitteln praktiziere oder bei einer eigenen Suchterkrankung seit mehr als zwei Jahren abstinent lebe. Beim ersten Lesen war ich irritiert.  Auf die Idee, dass auch ein ehemals Suchterkrankter diese Ausbildung absolvieren kann, war ich nicht gekommen. Man merke, vor Vorurteilen ist keiner gefeit.

Selbstverständlich kann auch jemand, der eine Suchterkrankung überwunden hat, Fachkraft für betriebliche Suchtprävention werden. Möglicherweise ist gerade ein trockener Alkoholiker der richtige Ansprechpartner für Kollegen, die auf dem Weg sind, von der Gewohnheit in den Missbrauch abzugleiten.

Bleiben wir beim Thema Alkohol. Der Konsum von Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert und gehört für viele Menschen ganz selbstverständlich zum Leben dazu. Wir leben hier in einer Weinregion und wer die vielen fröhlichen Besucher der Weinfeste beobachtet, denkt in erster Linie: Passt doch, gute Laune, guter Wein, gute Stimmung – alles okay. Für die meisten Besucher ist das sicher richtig. Aber wieviel Alkohol vertagen wir denn eigentlich?

Als risikoarm gilt ein Glas Wein am Tag – für Männer ein Viertel, für Frauen ein Achtel.

Zu Risiken und Nebenwirkungen …
… können Sie ja zum Beispiel mal den Hausarzt Ihres Vertrauens fragen. Der wird Sie dann möglicherweise darüber aufklären, dass es Grenzwerte für einen risikoarmen Alkoholkonsum gibt. Diese liegen für Männer bei 24 Gramm Alkohol pro Tag und für Frauen bei 12 Gramm. Oder in Wein umgerechnet: Für Männer ungefähr ein Viertel  und für Frauen höchstens ein Achtel. Das ist nicht wirklich viel und sehr wahrscheinlich werden diese Grenzwerte oft überschritten und nicht als Problem angesehen. Dennoch sollte klar sein, dass der Grat zwischen Genuss, Gewohnheit und Abhängigkeit ein sehr schmaler ist.

Mit Alkohol lässt sich Geld verdienen. Neben den Produzenten und den gastronomischen Betrieben verdient vor allem der Staat über die Besteuerung von alkoholischen Getränken. Circa 3,2 Milliarden Euro waren es allein 2013. Dem gegenüber stehen die Kosten, die der Alkoholkonsum verursacht.

Die Kosten
Nüchtern betrachtet – ein sehr passender Begriff in diesem Zusammenhang – werden durch den missbräuchlichen Konsum von Alkohol Kosten produziert. Im Bereich Gesundheit – durch Behandlungen und Arzneimittel – durch Unfallfolgen,  Sachbeschädigungen und natürlich durch Produktivitätsverluste auf Grund von Arbeitsausfällen und Fehlern in der Produktion. Hinzu kommt die Gefahr des Arbeitsplatzverlustes oder der Frühverrentung. 2012 wurden allein die Kosten für alkoholbedingte Krankheitskosten auf 26,7 Milliarden Euro geschätzt.

Alkoholabhängigkeit wird seit 1968 als Suchterkrankung anerkannt. Wer mit trockenen Alkoholikern spricht, kann sich ein Bild davon machen, wieviel diese Krankheit im Leben eines Menschen zerstören kann und wie viel Kraft der Kampf gegen diese Krankheit kostet.

Im Jahrbuch Sucht kann man nachlesen, dass bis zu fünf Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland alkoholabhängig sind. Führungskräften sind besonders gefährdet, hier ist die Rate fast doppelt so hoch. Weitere bis zu zehn Prozent der Arbeitnehmer konsumieren im problematischen Bereich. Rechnen Sie das doch einfach mal für Ihre Arbeitsstelle, ihre Firma hoch …

Jemanden auf seinen möglicherweise problematischen Alkoholkonsum anzusprechen ist nicht einfach

Wie umgehen mit Betroffenen?
Beim Lesen dieser Zeilen ist Ihnen mit Sicherheit spontan ein Kollegen, Freund oder sogar ein Familienangehöriger eingefallen, der alkoholabhängig ist oder zumindest Gefahr läuft, von der Gewohnheit in die Abhängigkeit abzurutschen. Und da liegt ein großes Problem. Viele sind sich der Gefahr durchaus bewusst. Sehen, wenn ein Kollege mehr als nur ein Feierabendbier trinkt,  ein Verwandter jeden Anlass zum Anstoßen mehr als ausnutzt oder ein Freund nach dem Fußballspiel am Wochenende am Montag nicht arbeitsfähig ist. Ich weiß, ein Klischee. Aber leider haben Klischees eben doch einen ernsten Hintergrund. Stellt sich die Frage: Was tun?

Es ist nicht jedermanns Sache, offen das Thema Alkoholabhängigkeit anzusprechen. Und ziemlich sicher werden Betroffene auf die eher unsichere Nachfrage hin abwiegeln. Natürlich möchte man glauben, dass man den Alkoholkonsum im Griff hat und eben kein Problem besteht. Aber wenn doch? Hinsehen und nichts tun unterstützt das Missbrauchsverhalten. Die Krankheit wird nicht angesprochen, eine mögliche Behandlung wird damit verhindert. Experten sprechen hier von Co-Abhängigkeit.

Es fällt nie leicht, einem Kollegen oder Freund zu sagen: „Ich glaube Du hast ein Problem.“ In den seltensten Fällen wird sich ein Betroffener dankbar dafür zeigen, dass endlich jemand reagiert und sogar Hilfe anbietet. Die meisten Menschen neigen zur Verdrängung. „Ich habe kein Problem, ich habe das im Griff, was willst Du eigentlich?“ Und schon ist eine Freundschaft oder ein bisher gutes kollegiales Verhältnis nachhaltig gestört. Das ist unangenehm, aber eben kein Grund nichts zu tun. Die Beobachtungen, die Sie gemacht haben, haben meist auch andere Kollegen oder Freunde gemacht. Nutzen Sie das, schauen Sie bitte nicht weg. Wenn auf Grund von Alkoholmissbrauch Menschen zu Schaden gekommen sind oder Schaden verursacht haben, ist es leider schon die berühmten fünf Minuten nach zwölf.

Wenn auch Sie betroffen sind – entweder selbst oder Freunde oder Angehörige –  dann nutzen Sie die  Angebote der Beratungsstellen. Davon gibt es auch in Freiburg eine ganze Menge wie zum Beispiel die Fachstelle Sucht des Baden-Württembergischen Landesverbands für Prävention und Rehabilitation, die Suchtberatung der Caritas und die Suchtkrankenhilfe der Uniklinik Freiburg.

Im Teil drei dieser Serie werde ich mich damit beschäftigen, welche Rolle Medikamente in unserem täglichen Leben spielen.

Autor: Isabel Achilles

Teil 1: Suchterkrankungen im Arbeitsleben
Teil 2: Alkoholkonsum – zwischen Maß und Übermaß

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